Posts by "Dr. Alexander Kugelstadt"

Psychotherapeutische Interventionen bei schwer beeinträchtigten Patienten (Schaubild)

Für die Behandlung schwerer psychischer Störungen hat sich die Modifikation der klassischen psychodynamischen Psychotherapie mit Ausarbeitung eines „Strukturkonzeptes“ und einer „Strukturbezogenen Psychotherapie“ etabliert. Davon profitieren z. B. Patienten mit Persönlichkeitsstörungen, Essstörungen, Abhängigkeitserkrankungen und Selbstschädigungstendenzen.

Ein Beispiel für einen Patienten mit gering integrierten Ich-Funktion („geringer integriertes Strukturniveau“) ist z. B. jemand, dessen mentale Vorstellungen von sich Selbst und der Anderen wenig differenziert, teils unrealistisch und schwarz-weiß polarisiert ist. Die Beziehungserwartungen sind oft überhöht, der Patient wird schnell impulsiv und feindselig mit dem Risiko von Beziehungsabbrüchen, auch in der Therapie.
Im Rahmen einer Strukturbezogenen Behandlung wären diese Muster dem Patienten zu verdeutlichen und nach Möglichkeiten zu suchen, sie zu verändern und neu einzuüben. Wichtig ist, dass Therapieziel realistisch zu begrenzen und den Patienten mit der Problematik anzunehmen, ohne „konfliktdynamisch“ zu interpretieren. Vielmehr sollen gemeinsam neue Alternativen gesucht werden, um weiteren Schaden vom Betroffenen abzuwenden.

In diesem Schaubild habe ich die dazu gängigen therapeutischen Interventionen zusammengefügt, wobei mir Gerd Rudolf als Quelle gedient hat, erweitert um Aspekte von Wöller/Kruse und eigene Punkte. Was haltet Ihr von der Strukturbezogenen Psychotherapie? Welche Interventionen fehlen? Seht Ihr große Ähnlichkeit zur Verhaltenstherapie? (Klick aufs Bild vergrößert)
Quellen
1. Gerd Rudolf: Strukturbezogene Psychotherapie. Stuttgart, Schattauer 2006
2. Wolfgang Wöller, Johannes Kruse: Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Stuttgart, Schattauer 2010
3. Homepage von Prof. Dr. med. Gerd Rudolf 

Diese Theorien Freuds kann die Neurowissenschaft heute bestätigen

Freud ist wie durch eine Drehtür mal wieder da. Die Hirnforschung gewährt ihm Zutritt und sieht seine Konzepte in herausragender Position für die Zukunft der Psychotherapie und Neurowissenschaften.

„Die Wahrheit liegt unter der Oberfläche“: So könnte man die Erkenntnis, die wir ihm verdanken zusammenfassen.

Zweifellos hat Freud die Vorstellung, die wir von der Psyche haben in den vergangenen 120 Jahren geprägt. Natürlich konnte er nicht alles wissen, was wir heute darüber wissen. Mich fasziniert es aber, wenn der sicher weltbekannteste Hirnforscher Eric Kandel sein Werk „The Age of Insight“ herausbringt („Das Zeitalter der Erkenntnis“ auf Deutsch) und die wichtigsten Theorien vom Nervenarzt Sigmund Freud aus neurophysiologischer Sicht als hochrelevant beschreibt – und dies gut begründet.

Er bezieht sich vor allem auf neurowissenschaftliche Untersuchungen und knüpft sehr an den Hirnforscher Mark Solms an, der z. B. Freuds Strukturmodell der Psyche von 1933 in eine moderne, zeitgemäße Form mit physiologischer Korrelaten geführt hat (S. 435 in Kandels Buch), was in spannenden anatomischen Grafiken dargestellt wird.

Das ganze Werk von Kandel ist – soweit ich mich bisher damit beschäftigt habe – hochinspirierend. Es geht darin um die Erforschung des Unbewussten in Kunst, Geist und Gehirn und erzählt Stränge von der Wiener Moderne bis heute nach. Die Erkenntnis, die Freud und seine Kollegen hatten, dass die Wahrheit oft unter der Oberfläche liegt, prägt unser Denken bis heute sehr stark. Daraus sei eine Revolution sowohl in der Medizin als auch in der Kunst und Literatur entstanden, die das Verständnis für menschliche Seele und die Wahrnehmung für immer verändern sollte, so Kandel.

In Form eines Schaubildes habe ich (anhand Kandels Buch; größtenteils wörtlich) versucht, grob zusammenzufassen, in welchen Punkten die Psychoanalytischen Ideen, so wie Freud sie damals in Umlauf brachte, mit den neuesten Erkenntnissen der Neurowissenschaft zusammenpassen. Ich finde Freud-Bashing ja sowieso langweilig, aber zunehmend wird deutlich, wie falsch es auch aus Sicht der Evidenz ist.

Hier ist das Buch von Eric Kandel:

Auch der deutsche Hirnforscher Gerhard Roth berichtet (in seinem Buch „Wie das Gehirn die Seele macht“), wie überzeugend die Wirksamkeit von Psychotherapie auf das Gehirn belegbar ist.

Was denkt Ihr darüber, warum verbreitet sich dieses Wissen so zögerlich? Haltet Ihr es für falsch? Oder sind diese Erkenntnisse politisch nicht gewünscht, weil es dann teuer wird – und einfachere Theorien von der Psyche und schnellere Therapien um sich greifen sollen? Schreibt mir gerne in die Kommentare.

Zum online Weiterlesen: „Freud is Everywhere“ auf Psychology Today

Quellen
Eric Kandel: Das Zeitalter der Erkenntnis. München, Pantheon 2018
Mark Solms, Oliver Turnbull: Das Gehirn und die innere Welt: Neurowissenschaft und Psychoanalyse. Mannheim, Walter 2010
Gerhad Roth, Nicole Strüber: Wie das Gehirn die Seele macht. Stuttgart, Klett-Cotta 2014

Podcasting: Der Moment, als plötzlich echte Hörer hereinspazierten

Fast 4 Jahre PsychCast

Seit Anfang 2015 podcaste ich mit meinem Freud Jan Dreher über Themen aus der Psychosomatik, Psychiatrie und Psychotherapie. Das nennen wir „PsychCast“ als Abkürzung für „Podcast über die Psyche“. Ein Podcast ist so in etwa eine im Internet abrufbare, selbst gekochte Radiosendung. Wir versuchen alle 2-3 Wochen einen Talk zwischen uns beiden oder manchmal mit Gästen aufzunehmen, den man am ehesten als Edutainment (=Education+Entertainment) bezeichnen kann.  Das hat sich jedenfalls als unser Ziel herauskristallisiert und macht uns am meisten Spaß. Von vornherein war es unser Wunsch sowohl interessierte Laien, psychisch Kranke und auch Ärzte und Psychotherapeuten sowie anderes Fachpersonal wie z. B. Ergotherapeuten und Sozialarbeiter zu erreichen. Wir haben also keine feste Zielgruppe. Da wir natürlich Eigenheiten haben, die in einem freien Talk auch sichtbar (oder hörbar) werden und eine eigene Form der Beziehung pflegen, ergibt sich die Zielgruppe eher aus dem persönlichen Geschmack. Manchmal sind wir auch gar nicht sehr gut vorbereitet, sondern sprechen über Schlaf oder Mobbing oder Beziehungen mit dem Hintergrund und Wissen, das wir eben haben – als Ärzte und auch privat. Wie ein Telefonat unter Freunden, jedoch immer mit Interesse für das Psychische und die Gesundheit.

Jan und ich bei einem Treffen des Medizin-Portals DocCheck 2017

Aus einer digitalen wurde eine analoge Gruppe

Da wir inzwischen weit über eine halbe Million Downloads über alle Folgen erreicht haben und wir unheimlich viele nette Mails bekommen, dachten wir es wäre an der Zeit, unsere Hörer mal einzuladen und kennenzulernen. Versprochen hatten wir dies Ende 2017, sofern wir ein paar zahlende Abonnenten bei SteadyHQ bekommen würden, um laufende Kosten (wie Raummiete, Webspace, Mikrofone etc.) besser finanzieren zu können. Wir hatten schließlich am 30.11. abends in Berlin zur Aufzeichnung des PsychCast Nr. 76 eingeladen und schnell über 30 Anmeldungen bekommen. Als Thema hatten wir uns Salutogenese überlegt, ein Konzept zur Entstehung von Gesundheit. Wir wussten nicht, was passieren würde und waren auf alles gefasst. Klar waren uns unsere Hörer aus unzähligen positiven und freundlichen Mails, Kommentaren, iTunes-Bewertungen bekannt. Aber kann man „dem Internet“ glauben? Würde wirklich irgend jemand für den PsychCast bei Regen und Kälte aus dem Haus gehen?

Total hingerissen von unserer sympathischen Hörerschaft

Als ich Jan Ende 2015 zum ersten mal mit seinem an der Stimme hängenden Body gesehen habe, war das schon komisch (und cool). Aber als unsere Hörer zur ersten gemeinsamen Aufzeichnung hereinspazierten und uns wie alte Freunde begrüßten war das wirklich bewegend. Alles, woran ich die letzten 4 Jahre beim podcasten geglaubt hatte, wurde plötzlich Wirklichkeit: Menschen, die zusammenkommen, um sich über das Seelenleben und psychische Gesundheit auszutauschen. Leute, die sich mit guten Absichten verbinden und Infos und Austausch wollen und sich für die innere Welt des Menschen interessieren. Ohne weitere Beschränkungen oder Voraussetzungen, um mitzumachen.
Das Internet war plötzlich nur noch ein Hilfsmittel, denn wir gehörten an diesem Abend gemeinsam in diesen Raum – und zwar offline.

Danach gingen wir einen trinken und keiner wollte nach Hause

Podcasting als manueller Algorithmus?

Dieser Moment, als echte Hörer unseres Podcasts hereinspazierten war noch ganz anders, als ich mir das vorgestellt hatte. Die Bindung zu unseren Hörern war schon da, aber sie wurde erst an diesem Abend so richtig spürbar. Ich fand alle unsere Gäste sehr sympathisch und man hätte glauben können, dass das alles „Matches“ eines komplexen Algorithmus sein müssten. Aber vielleicht ging das beim Podcast so ähnlich, nur mit Handarbeit, manuell: tausende Hörer schalten mal ein, schalten mal ab, hören mal weiter, aber nicht zu weit. Wer wirklich weiter hört und dem das gefällt kommt dann vielleicht zum Hörertreffen. Und ich finde unsere Hörerinnen und Hörer passen so richtig gut zu uns und ich bin dankbar, sie kennengelernt zu haben.

Hier geht es zur Aufzeichnung der Sendung des Hörertreffens.

Depression – ein körperliche Erkrankung?

Am 31. März 2017 ist die Depression laut World Health Organisation (WHO) weltweit der führende Grund für Arbeitsunfähigkeit. Die Depression ist eine systemische Erkrankung, die auf körperlicher, sozialer und psychischer Ebene die Lebensführung der Betroffenen stark beeinträchtigt.

Viele glauben, die Depression sei eine psychologische Problematik, die zwischen den Ohren besteht, aber im Menschen davon eigentlich nichts zu finden ist. Es gibt auch fortwährend Versuche verschiedener Interessenträger, depressive Erkrankungen als ein rein psychologisches Problem zu stigmatisieren. Die psychischen Erkrankungen sollen langfristig innerhalb des etablierten medizinischen Versorgungsnetzwerkes marginalisiert werden und billiger durch andere Versorgungsstrukturen als durch Ärzte „therapiert“ werden.

Warum dies für betroffene Patienten so fatal wäre, wird verständlich, wenn Sie Folgendes über die Depression wissen:

Das Wort der Stunde in der psychoneuroimmunologischen Forschung ist „Allostatic Load“, das Konzept der Allostase. Es beschreibt, dass das Gehirn das größte Stressorgan ist, das wir haben und das entsprechend verschiedener Bedarfslagen des Menschen untergeordnete Systeme „steuert“. Bei Vorliegen einer Depression ist dieser Mechsnismus aus dem Gleichgewicht gekommen und signalisiert dem Organismus eine anhaltende Stressreaktion, die eine Veränderung zentralnervöser Strukturen nach sich zieht, z. B. am Hippocampus (einer Hirnregion, die unter anderem für die Gedächtnisbildung wichtig ist). Nachgewiesene Auslöser einer so genannten allostatischen Last wurde vor allem im Rahmen von sozialen Stressoren wie Ausgrenzung, Herabwürdigung und Beschämung nachgewiesen.

Die „anhaltende Stressreaktion“ durch einen depressiven Affekt führt in der weiteren Folge zu folgenden körperlichen Veränderungen: reduzierte serotonerge Neurotransmission, erhöhte Aktivität von Corticotropin-Releasing-Faktor (CRF), Störungen im Norepinephrin-Kreislauf, Minderaktivität im Dopamin-System, Aktivierung des Immunsystems, Hyperaktivität in der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse, Abweichungen in der Plättchenaktivierung, reduzierte Variabilität in der Herzfrequenz und noch mehr… Bitte sehen Sie mir die Sammlung an Fachwörtern nach – ich möchte damit zeigen: es passiert dabei eine ganze Menge im Körper!

Die Symptome der Depression sind übrigens denen sehr ähnlich, die durch ein überaktiviertes Immunsystem entstehen (auch Cytokine-induced Sickness behavior genannt): Krankheitsgefühl, Lustlosigkeit, erhöhtes Schlafbedürfnis, Appetitmangel, sozialer Rückzug, Konzentrationsmangel, erhöhte Schmerzsensibilität, Schwäche,…

Die Auswirkungen der Depression sind genauso körperlich wie die Folgen der Erkrankungen, die wir direkt als „körperlich“ oder „somatisch“ bezeichnen.

Durch diese Mechanismen ist die Depression z. B. auch ein unabhängiger Risikofaktor für die koronare Herzkrankheit (Verkalkung der Herzkranzarterien) – und zwar genauso so ausgeprägt wie das Tabakrauchen. Also die mögliche Folge einer „verschleppten“ Depression ist ein erhöhtes Risiko für Arterienverkalkung.

Um die medizinische Herausforderung einer Depression nochmals deutlich zu machen:

  • Ein Herzinfarkt in der Vorgeschichte UND eine Depression erhöht das Risiko eines neuen Infarktes binnen 6 Monaten um das 3fache!
  • Anders als beim Bluthochdruck, Diabetes, Asthma etc. kehrt bei der Depression keine Normalisierung des Funktionsniveaus bei Symptombesserung ein.
  • Die Beseitigung der Symptome ist nicht der Endpunkt einer Depressionsbehandlung!
  • Es muss wieder ein guter Funktionsniveau mit Aktivitäten etc. bestehen, um die Behandlung beenden zu können.

Die Depression ist keine psychische Erkrankung in ihrer alten, abstrakten, oft als „eingebildet“ verstandenen, herabsetzenden, flüchtigen Form, sondern eine medizinisch hochkomplexe Erkrankung des Gehirns und des Körpers mit mehreren lebensbedrohlichen Folgen. Da das Gehirn, genauer die psychischen Prozesse rund um die Beziehung zu anderen Menschen der zentrale Fokus ist, stellt die Therapie durch ärztliche Psychotherapeuten sowie psychologische Psychotherapeuten den Hauptansatzpunkt dar.

Sollte die Behandlung gerade dieser komplexen Erkrankung wirklich dequalifiziert werden und aus der medizinischen Versorgung ausgegliedert werden?

Natürlich nicht! Die Erde ist keine Scheibe und die Depression ist kein psychologisches „Hat-man-mal“. Schließlich verstehen wir durch die Forschung der Psychoneuroimmunologie immer besser, dass Erkrankungen wie die Depression sich nicht nur auf psychischer oder körperlicher Ebene verstehen und behandeln lassen. Psychosomatische Konzepte sind hier unerlässlich.

Ärzte aller Fachgebiete, vor allem Hausärzte und natürlich alle Medizinstudenten sollte die Depression in einer Reihe mit Asthma, Bluthochdruck, Diabetes und Herzklappenfehlern kennenlernen und abspeichern. Eine schnelle Erkennung und Behandlung in allen ärztlichen Gebieten sollte das Ziel sein – und gesundheitspolitisch gefördert werden.

Und Sie sollten wissen: Falls Sie oder einer Ihrer Liebsten mal von solch einer Erkrankung betroffen ist, sollte man mit dem Hausarzt sprechen und / oder Fachärzte aufsuchen und nicht dem Irrtum erliegen, dass das nur ein kleiner Schnupfen der Seele sei. Eine depressiv erkrankter Mensch gehört in professionelle Hände wie ein körperlich Erkrankter auch – in die des Arztes und Psychotherapeuten!

 

Quelle: James Strain, MD, auf einem Vortrag im NYPSI.org am 04. Oktober 2017

Titelbild: By BruceBlaus. Blausen.com staff (2014). „Medical gallery of Blausen Medical 2014„. WikiJournal of Medicine 1 (2). DOI:10.15347/wjm/2014.010. ISSN 2002-4436. – Own work, CC BY 3.0, Link

Auch erschienen auf DEIKS.de

Lacast, der Lacan-Podcast: darauf haben Psychoanalyse-Fans gewartet, ohne es zu wissen

Podcasts statt Therapiesitzung

Manchmal ist kein Patient in meinem Behandlungszimmer und ich bin alleine. Wenn ich Zettel sortiere, die Abrechnung mache, E-Mails schreibe oder Blumen gieße. Dabei höre ich sehr gerne nichts, manchmal aber auch Podcasts. Soweit nichts Ungewöhnliches.

Heute stolperte ich, das war denke ich bei Facebook, über den Podcast „Lacast – der Lacan-Podcast„. Mir war schnell klar, dass es dabei um Jaques Lacan, den wirklich inspirierenden französischen Arzt und Psychoanalytiker (1901-1981), gehen würde, der – sagen wir mal – Sigmund Freud in der ein oder anderen Sache neu interpretierte. Ich drückte Play und schielte nebenbei schonmal ins Impressum. Da fiel mir der Taschenrechner aus der einen und die Gießkanne aus der anderen Hand: die bildundtonfabrik als Aufnahmeort und der Name Florentin Will schossen mir ins Auge, der mir aus dem Ensemble des Neo Magazin Royal bekannt ist.

Würde jetzt meine private humoristische Präferenz mit meinem professionellen Interesse für Psychoanalyse verschmelzen?

Ich begann die erste Folge zu hören, leitete das Telefon auf’s Sekretariat um und war wirklich hochgespannt. Der Erziehungswissenschaftler und Lacan-Kenner Rolf Nemitz vom Blog Lacan-entziffern und Florentin Will ergänzen sich ganz wunderbar. Im Mittelpunkt steht der anwesende, abwesende Dritte: Jaques Lacan, dessen theoretische Konstrukte gründlich ausgebreitet werden. Nemitz ist lediglich eine Art Trägersubstanz der Lacanschen Materie, der allerdings hier und da (mit penibler Markierung) seine eigene Geschmacksrichtung beimengt.  Die ersten 3 Folgen waren sehr interessant, unterhaltsam und irgendwie beruhigend und entschleunigend. Wer sich für Psychoanalyse, Sprache und (vermeintlich) anachronistisches Denken interessiert, findet hier den richtigen Podcast. Für mich eine der besten Produktionen, die ich seit langem entdeckt habe… sagen wir seit der Gründung des PsychCast Anfang 2015.

Ich habe auf diesen Podcast gewartet, ohne es zu wissen. Unbewusst.

Was wir von Lacan lernen werden, wenn wir es nur zulassen

Rolf Nemitz erklärt uns, was Lacan mit dem Imaginären, dem Symbolischen und dem Realen meint, dass das „Bewusstsein“ nur Sinn ergibt, wenn es zwangsläufig ein „Unbewusstes“ gibt, was der Signifikant ist und dass das „Begehren“, wie Lacan es meint, nie befriedigt werden kann. Das erläutert Nemitz ganz eingängig mithilfe seiner eigenen Büchersucht während Florentin Will sich seelenruhig und wieder und wieder um einen Übertrag ins Alltagsvokabular bemüht. Was ihm meistens fast, aber niemals so ganz gelingt (gelingen darf)… Der gesamte Dialog ist in seiner Ernsthaftigkeit streckenweise auch sehr witzig und durchgehend unterhaltsam.

Prädikat: highly recommended 

Hier entlang geht’s z. B. zur Folge 2 über „Das Begehren“

Hier noch ein Deutschlandfunk-Essay über Lacan als Text

Beitragsbild:  Blatterhin (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Das Plasberg-oder-Luftschloss-Quiz: Welche Medizin-Talkshows gab es wirklich?

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat einen Bildungsauftrag. Überprüfe in einem kleinen Quiz, ob Du eine Ahnung davon hast, mit welchen medizinischen Themen es diesen erfüllt.

Medizin-Talkshows

Talkshows mit medizinischen Themen sind im deutschen Fernsehen keine Rarität. Das wundert nicht, denn der Informationsbedarf der Menschen zum Thema ist groß. Das medizinische Wissen verdoppelt sich alle 5 Jahre, was bereits für medizinisches Fachpersonal eine riesige Herausforderung darstellt. Doch wie schwer ist es für einen medizinischen Laien, da noch durchzublicken? Nicht einfacher macht es der Umstand, dass es bei Gesundheitsthemen um das Wichtigste geht, was eine Mensch hat: sein Leben, seine körperliche Unversehrtheit, seine Chancen auf Teilhabe und Genuss im Leben. Da entstehen natürlich schnell Ängste und Beunruhigung. Nichtsdestotrotz gibt es Themen, über die öffentlich gesprochen werden sollte. Die Talkshows des öffentlich-rechtlichen Fernsehens übernehmen dies, haben sie doch auch einen Bildungsauftrag.

Quiz: Plasberg oder Luftschloss?

Jetzt kommt das Quiz! Nachstehend werden 8 Titel deutscher Talkshows präsentiert. Finde jene 4 von Ihnen, die es wirklich gegeben hat, die anderen 4 sind frei erfunden:


(1)
Diagnose chronischer Schmerz – Ärztin, Psychotherapeut, Sportmediziner und Krankengymnast im Gespräch: was sind wirksame Therapien ohne Operation?

Maischberger, ARD, 2016


(2)
Katastrophe Krankenhaus: Unnötige Operationen, überlastetes Personal, gefährliche Krankenhaus-keime (…)

Nachtcafé, SWR, 2016


(3)
Diagnose Gier: werden wir beim Arzt abgezockt?

hart aber fair, ARD, 2016


(4)
Diagnose Beziehung: was die Arzt-Patient-Beziehung schwierig macht – und wie wir sie verbessern können!

hart aber fair, ARD, 2017


(5)
Medizin und Bezahlung: wie wollen wir eine immer besser und teurer werdende Medizin finanzieren?

Nachtcafé, SWR, 2016


(6)
Der verunsicherte Patient: Warum misstrauen wir Ärzten?

Maischberger, ARD, 2016


(7)
Gefahr Krankenhaus – Wenig Personal, aber reichlich Keime?

hart aber fair, ARD, 2017


(8)
Sicherheit Krankenhaus – exzellentes Personal und Hightech-Medizin: wissen wir das noch zu schätzen?

Maischberger, ARD, 2017


Welche Talkshows gab es wirklich?

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Nun wünsche ich viel Spaß und Erfolg beim Raten – zugegeben, es ist kein ganz einfaches Quiz!

Die Auflösung findest Du hier.

Beitragsbild: Daniela Baack  / pixelio.de

PsychCast Folge 43: Die Kollusion von Arzt und Patient bei psychosomatischen Beschwerden

Psychosomatische Beschwerden: Warum Patienten zu Praxis-Hoppern werden und Ärzte manchmal daran verzweifeln, können Erkenntnisse aus der Paartherapie erklären.

 

Im dreiundvierzigsten PsychCast sprechen wir über die Paar-Kollusion, wie sie der vielleicht weltbeste Paartherapeut Jürg Willi beschrieben hat. Dieses Konzept hat nichts mit der Kollision (mit i statt u) im Straßenverkehr zu tun!

Es geht dabei um problematische Rollenverteilungen in Beziehungen, die unbewusst erfolgen und die mit den jeweiligen Prägungen und Vorerfahrungen der Beteiligten zu tun haben.

Die Theorie besagt, dass sich bereits vor der Beziehung bestehende Persönlichkeitsmerkmale im Laufe einer Partnerschaft häufig zu einer festen Rollenverteilung verhärten und eine solche Konstellation mit der Zeit völlig starr werden kann: Der starke Part wird immer stärker, der Schwache und Anlehnungsbedürftige immer passiver und hilfloser. So ergänzen sich zunächst einmal ein Bewunderter und ein Bewunderer, ein Hilfloser und ein Helfer oder ein Mächtiger und ein Ohnmächtiger. Willi sagt weiter, dass man in dem anderen immer auch einen abgespaltenen Teil seiner Selbst sucht.

Diese verteilten Rollen führen dann jedoch dazu, dass eben jener Teil der eigenen Persönlichkeit immer weniger wahrgenommen und zunehmend verleugnet wird. Das führt über kurz oder lang zu Unzufriedenheit beider Beziehungspartner.

Die psychosomatische Arzt-Patient-Kollusion

In der Podcast-Folge sprechen wir auch darüber, wie Jürg Willi diese Erkenntnisse auf die Arzt-Patient-Beziehung bezieht, insbesondere beim Vorliegen psychosomatischer Beschwerden, er nennt dies „die psychosomatische Arzt-Patient-Kollusion“:

Durch die psychosomatische Symptombildung normalisiert sich häufig das Sozialverhalten betroffener Patienten, beschreibt der Autor. Dies passiert, da es durch die Symptome plötzlich besser gelingt, andere Menschen an sich zu binden und unbewusst dafür zu sorgen, gesehen und in einer Notsituation wahrgenommen zu werden. Da die Krankheit im Vordergrund steht, treten die zwischenmenschlichen Schwierigkeiten erst einmal in den Hintergrund – das entlastet! In ihren offensichtlichen Interessen und Phantasien sind die Patienten somatisch fixiert und können alles Mögliche über ihre Körpervorgänge beschreiben, was sie zunächst zu einem idealen Patienten mache. Sie sind autoritätsgläubig und unterziehen sich bereitwillig vielerlei Untersuchungen. Sie idealisieren und mystifizieren sie den Arzt.

Selber blieben sie jedoch passiv und neigten dazu, die Verantwortung an den mächtig erlebten Mediziner zu delegieren. Dieser genieße seine starke Rolle und sehe davon ab, auf die psychische Seite, die bei psychosomatischen Beschwerden natürlich eine große Rolle spielt, einzugehen. Er nimmt so das Rollenangebot des „Halbgotts in Weiß“ seines Patienten an, beide verleugnen zusammen die Bedeutung der seelischen Seite der gesamten Symptomatik.

Wie kann es also weitergehen?

Weitergehen kann es auf zweierlei Weisen: der Arzt entdeckt einen Bagatell-Befund und hat einen Grund ein „unnötiges“ Medikament zu verordnen oder eine OP zu veranlassen – dann wird die gemeinsame Abwehr fortgesetzt, die Kollusion besteht fort. Oder der Arzt beginnt den Patienten zur Mitarbeit aufzufordern: „Sie müssen aktiv werden, wenn Sie gesünder sein möchten“ und der Patient ist enttäuscht von seinem Ideal-Arzt, fühlt sich gekränkt und wendet sich an den nächsten Super-Doc.

Zusammengefasst ist die volle Ausprägung einer psychosomatischen Arzt-Patient-Kollusion bei unerkannten seelischen Ursachen:

Hört doch mal rein, zur Podcast-Folge geht es hier entlang. Oder direkt hier anhören:

Hier kann man sich das Buch näher ansehen, über das wir sprechen: Jürg Willi – Die Zweierbeziehung: Das unbewusste Zusammenspiel von Partnern als Kollusion

Dank unserer Hörerin S. noch der Hinweis: das Zitat “Der Mensch wird am Du zum Ich” ist nicht von Jürg Willi sondern von Martin Buber. Jürg Willi hat es im Jahr 2012 in einem Interview zu seinem Lieblingszitat erklärt – Link dahin folgt noch. Das wurde in der Sendung falsch rübergebracht und soll hiermit korrigiert werden.

Beitragsbild: Stephanie Hofschlaeger  / pixelio.de

Die Psychotherapie-Richtlinie 2017 auf die Ohren (neuer PsychCast)

„April, April!“ – ab 01.04.2017 gilt die neue Psychotherapie-Richtlinie und konfrontiert alle vertragsärztlich niedergelassenen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mit Diversen Neuerungen. Aufgrund der Trockenheit der Materie haben wir alles Wichtige mündlich im PsychCast für Euch zusammengefasst.

Die Richtlinie zur Durchführung von Psychotherapie wurde grundlegend überarbeitet und die neue Version entfaltet im April ihre Wirkung. Sie dient immer schon als Grundlage für Vereinbarungen zur ordnungsgemäßen Durchführung von Psychotherapie in der Vertragsärztlichen Versorgung.

Wir haben im PsychCast Folge 41 – bis auf wenige Ausnahmen – versucht neutral darzustellen, was sich ändert. Wir verraten nicht, was Jans psychotherapeutisch tätige Nachbarin meinen könnte, wenn sie sagt: „Ab 01. April wird hier alles viel schlechter…“, sondern möchten von Euch wissen, was Ihr von den Neuerungen haltet. Bitte hört dazu mal rein, wir haben uns Mühe gegeben, alles in gut 20 Minuten zu besprechen – und nicht zu kritisieren oder einzuordnen.

Hier kommen Schlagwortartig die wichtigsten Neuheiten zum 01.04.:

  • Terminvergabe in dringenden Fällen auch über die Terminservicestellen der KVen
  • Telefonsprechzeiten von 200 Minuten pro Woche verpflichtend, deren Zeiträume der KV mitgeteilt werden müssen (100 Minuten beim halben Sitz)
  • Durchführung einer „Psychotherapeutischen Sprechstunde„, die verpflichtend ist: bis zu 6 mal mit insgesamt 150 Minuten pro Patient und Jahr, Splittungen auf 25 Minuten sind möglich. Pro Woche müssen 100 Minuten Sprechstunde angeboten werden, als Termin- oder Bestellsprechstunde, was der KV mitgeteilt werden muss. Ein schriftlicher Befund (PTV11) muss dem Patienten mitgegeben werden. Ab 01.04.2018 wird der Sprechstundenbesuch von mindesten 50 Minuten verbindlich um als Patient weiter psychotherapeutisch versorgt zu werden. Die Sprechstunde muss nicht in der Praxis erfolgt sein, in der später die Behandlung durchgeführt wird.
  • Eine Akutbehandlung, die der Krankenkasse angezeigt werden muss von bis zu 12 Sitzungen je 50 Minuten oder bis zu 24 Sitzungen je 25 Minuten sind möglich (kein Antrag, kein Bericht).
  • Eine Kurzzeittherapie hat jetzt 24 Sitzungen und muss beantragt werden, wobei keine Berichtspflicht mehr besteht. Eine eventuell vorher erfolgte Akutbehandlung wird dem Kontingent in Abzug gebracht. Analytische Psychotherapie kann jetzt als Kurzzeittherapie durchgeführt werden.
  • Eine Langzeittherapie (LZT) hat nur noch zwei Bewilligungsschritte und teilweise etwas höhere Stundenkontingente, wovon auf Antrag einige innerhalb von 24 Monaten nach Therapieende als Rezidivprophylaxe verwendet werden dürfen. Die LZT ist Antrags- und Berichtspflichtig, wobei die Krankenkasse entscheiden kann, ob sie keinen Gutachter bestellt, und direkt die Kostenübernahme bewilligt.
  • Weitere Änderungen gibt es im Bereich von Gruppentherapien, die jetzt auch weniger Teilnehmer haben können und mit Einzelsitzungen kombiniert werden dürfen.

Hier geht’s zur kompletten Sendung mit weiteren Details. Oder direkt hier hören:

Links:

Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigung (KBV)
Alles über die neue psychotherapeutische Versorgung bei der KBV
Die neuen Formulare (PTV)
Psychotherapie-Richtlinie (Version 2017) im Original beim Gemeinsamen Bundesausschuss

7 Do’s bei akuter Depression (in der ärztlichen Grundversorgung)

Sei es in der Allgemeinmedizin, Gynäkologie oder Neurologie: Es geht schnell – plötzlich sitzt ein Patient mit einer akuten Depression vor Ihnen. Weinend, verzweifelt oder getrieben und vorwurfsvoll, oft voller Angst. Oft erleben Patienten ein absolutes „Getrenntsein“ von der Welt, die nicht mehr viel mit ihnen zu tun zu haben scheint. Beim Arzt stellt sich nicht selten Ärger, Müdigkeit oder das Gefühl der Lähmung und Hilflosigkeit ein. Folgende 7 Do’s sollen Ihnen Impulse geben, das Bestmögliche für Ihren Patienten zu tun.

Kurz zum Hintergrund:
Ätiologisch bedeutsam sind bekanntermaßen psychische, biologische und soziale Faktoren, die in ihrer Konstellation zum Ausbrechen einer depressiven Erkrankung führen oder nicht. Auf psychischer Ebene kann eine Depression verkürzt als die Erkrankung des Mangels und des Verlustes bezeichnet werden. Dies drückt sich bereits in der Symptomatik aus: Mangel an Freude, Verlust an Antrieb und Motivation, innere Leere usw.
Auch der Auslöser ist häufig ein realer oder auch nur phantasierter Verlust, der einen alten, meistens früher im Leben erworbenen emotionalen Mangel zum Dekompensieren bringt und zum Vollbild einer Depression führt. Solche Situationen können sein: Verlust der körperlichen Fitness (z. B. durch eine Krankheit), drohender oder erfolgter Verlust des Arbeitsplatzes, einer Partnerschaft, der eigenen Leistungskraft oder Ähnliches.

Was tun, wenn ein depressiver Patient plötzlich vor Ihnen sitzt?

  • Trotz einer Sogwirkung in die sich oft entfaltende bleierne Schwere, sollte unbedingt die somatische Seite gründlich abgeklärt werden: Anämie? Schilddrüse? Infekte? Autoimmunkrankheiten? Neoplasmen? Demenz? Parkinson? KHK? … Ebenso sind pharmakologische Ursachen häufig: Antihypertensiva, Sedativa, Antiepileptika, Analgetika, Hormone, Chemotherapeutika, Inferferon (!) …
  • Fragen Sie nach Suchtmitteln, denn die Komorbidität mit Suchterkrankungen wird mit bis zu 60% erhoben. Hier lohnt es sich aktiv und wiederholt nachzufragen. Ganz explizit nicht, um eine mögliche „Selbsttherapie“ des Patienten zu verurteilen, sondern um die notwendigen Schritte in eine Depressionsbehandlung einzuleiten, dazu würde dann ggf. eine Suchtberatung gehören.
  • Die S3-Leitlinie Depression weist darauf hin, dass Patienten häufig nicht über typische depressive Kernsymptome berichten. Stattdessen schildern sie unspezifische Schlafstörungen, Schmerzen, Krankheitsgefühl, Appetitminderung sowie diverser Körperbeschwerden. Hier soll unbedingt aktiv exploriert werden, eine schnelle Methode ist der Zwei-Fragen-Test.
  • Aufklärung ist ganz entscheidend. Eine riesige Entlastung bereitet es den Patienten häufig, mitzuteilen: „Bei Ihnen gehe ich vom Vorliegen einer Depression aus.“ Man kann dazu erklären, dass es sich um eine häufige Erkrankung handelt, dass sie unfassbar belastend ist und alles andere als eine vorübergehende Traurigkeit oder „schlechte Stimmung“. Gleichzeitig ist sie heute gut behandelbar und „ich als Ihr Arzt werde jetzt sofort mit Ihnen zusammen beginnen, Maßnahmen zur Linderung zu ergreifen“. Ebenso wird es oft als hilfreich erlebt, über weitere mögliche Symptome aufgeklärt zu werden.
  • Erste Interventionen in der Grundversorgung können es sein, Zuversicht zu vermitteln („Ich kann Ihnen sagen, dass das auf jeden Fall wieder besser wird“), dem Patienten Entscheidungen abzunehmen („Ich schreibe Sie krank und möchte Sie in 7 Tagen wiedersehen“), positive Aktivitäten zu verordnen, konkrete Hilfe anzubieten („Bezüglich Ihrer Unruhe kann ich Sie mit einem schlaffördernden Medikament unterstützen“). Es ist häufig ein direktives Vorgehen nötig, um die Mitarbeit des Patienten zu erreichen. Dont’s sind Ermahnungen, Aggressionen persönlich nehmen, intransparentes Vorgehen, Bagatellisieren der Beschwerden, „psychologisieren“ der Beschwerden.
  • Schließlich sollte das Suizidrisiko unbedingt im Auge behalten werden – das heisst aktives, offenes Nachfragen: Denken Sie daran, sich das Leben zu nehmen? Haben sie es schonmal versucht? Haben Sie Vorbereitungen getroffen? Was hat Sie bisher davon abgehalten (Ressourcen herausarbeiten)?
    Das konkrete Sprechen über mögliche Todeswünsche erhöht das Suizidrisiko nicht. Alle Formen suizidaler Gedanken sind ernst zu nehmen. Maßnahmen können je nach Schwere und Phase der Suizidalität sein: ein klares Kontaktangebot mit konkreten Anschlussterminen, eine Antisuizidvereinbarung, ggf. stationär-psychiatrische oder -psychosomatische Akutbehandlung sowie medikamentöse Maßnahmen.
    Als klinisches Instrument zur Einschätzung der Suizidalität empfiehlt sich auch der „Fragenkatalog nach Pöldinger“, der auch z. B. fest in der Praxissoftware hinterlegt werden kann – hat den Vorteil, dass man gleichzeitig gründlich dokumentiert hat.
  • Die Weiterbehandlung kann in Absprache mit dem Patienten parallel zur Grundversorgung initiiert werden: ambulante und stationäre Angebote aus den Fachgebieten Psychosomatische Medizin und Psychotherapie oder Psychiatrie und Psychotherapie oder alle anderen Fachgebiete, wenn die Qualifikation Psychosomatische Grundversorgung oder die Zusatzbezeichnung Psychotherapie vorhanden ist. Weiterführend kann eine ambulante Psychotherapie indiziert sein. Medikamentös können Antidepressiva, Neuroleptika und Tranquilizer zum Einsatz kommen. Zu unterscheiden ist die akute Medikation zur schnellen Entlastung von schweren Symptomen (ggf. mit Suizidalität) und eine etwaige längerfristig angelegte antidepressive Pharmakotherapie. Eine spezifische Behandlung der Depression sollte übrigens auch erfolgen, wenn somatische oder pharmakologische Befunde (mit)ursächlich sind.

Zusammenfassung
Depressionsbehandlung in der ärztlichen Grundversorgung heißt schneller Beginn, realistisches Ziel, umschriebene Inhalte, pragmatisches, aktives Vorgehen unter Fokussierung auf eine unterstützende, tragfähige Arzt-Patienten-Beziehung.

 

TitelbildTrauernder alter Mann („At Eternity’s Gate“), Vincent van Gogh [Public domain], via Wikimedia Commons

Gehirn&Geist: postfaktischer Wissenschaftsjournalismus in Quizform

Wozu dienen populärwissenschaftliche Magazine wie Gehirn&Geist, wenn typische Falschinformationen subtil bestätigt werden. In einem aktuellen Online-Beitrag macht das Magazin deutlich, dass es nicht die unweit zurückliegenden Entwicklungsstränge der Medizin und der Psychologie grob auseinanderhalten kann oder will. Nutzen wir doch die Gelegenheit, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen.

„…Es ist ein neues Quiz-Format“ entschuldigt sich die Zeitschrift Gehirn&Geist auf Facebook, nachdem ein Leser auf grobe Fehler des beliebten, populärwissenschaftlichen Magazins (> 30.000 Exemplare Auflage) hingewiesen hatte, ohne diese aber zu korrigieren.

Aber fangen wir mal vorne an. Und schieben wir die Frage nach hinten, ob das alles überhaupt wichtig ist oder ob es nicht völlig egal ist, was die Gehirn&Geist ins Internet schreibt.

Auf Facebook postete das Magazin Ende dieser Woche ein Quiz, in dem beantwortet werden soll, von welchen berühmten Psychologen sieben historisch relevante Zitate stammten.

Was wohl nur dem „Fachmann“ auf den ersten Blick auffällt: ein Teil der als „berühmte Psychologen“ bezeichneten Persönlichkeiten sind eigentlich berühmte Ärzte, wie u. a. folgende:

Sigmund Freud
Er war ein österreichischer Arzt für Neurologie und der Begründer der Psychoanalyse (1856-1939). Er hatte in Wien Medizin studiert und sich anschließend intensiv mit Neurophysiologie und Pharmakologie, später auch mit Neuropathologie beschäftigt. Er ließ sich schließlich als Arzt in Wien nieder und entwickelte die Methode der Psychoanalyse, nicht etwa in Abkehr von der Medizin, sondern um die Sichtweise auf Erkrankungen um die subjektive Ebene zu erweitern. Erst sehr viel später konnte seine Methode auch von anderen Berufsgruppen, den damals s. g. „Nicht-Ärzten“ durchgeführt werden („Laienanalyse“).

Alfred Adler
Adler (1870-1937) studierte ebenfalls Medizin in Wien und arbeitete zunächst als Augenarzt, später als Allgemeinmediziner. Er nahm an Veranstaltungen von Freud teil und entwickelte seine eigene Lehre von der Psychoanalyse, die sich besonders auf das Organsystem des Menschen bezieht. 1907 veröffentlicht er die „Studie über die Minderwertigkeit von Organen“ und legt als Mediziner einen weiteren Grundstein zum Verständnis von Körperbeschwerden, die durch psychische Auslöser (mit)bedingt sind.

C. G. Jung
Der Schweizer Arzt und Psychiater C. G. Jung (1875-1961) studierte Medizin in Basel, beschäftigt sich viel mit Psychosen, entwickelte eigene psychodynamische Konzepte (Analytische Psychologie) und wurde Vorstandsmitglied der Internationalen Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie (IAÄGP). Übrigens gehörte der Schriftsteller Hermann Hesse zu Jungs Patienten.

Das sind also alles Ärzte – aber was ist die Psychologie?

Die Psychologie ist eine streng empirische Wissenschaft und keine Heilkunde wie die Medizin. Sie beschäftigt sich mit den Erleben und Verhalten des Menschen, nicht um Krankheiten zu heilen sondern zunächst erstmal als eine Grundlagenwissenschaft. Statistik und Anthropologie bilden die Grundlage des Faches Psychologie. Psychologie gibt es als eigenständige wissenschaftliche Disziplin seit Anfang des 19. Jahrhunderts. Wenn man ein Psychologie-Studium abgeschlossen hat, kann man heute in Deutschland eine mehrjährige Ausbildung zum Psychotherapeuten machen. Ist das vielleicht der Link, der Gehirn&Geist im Kopf herumspukte?

Screenshot aus dem Quiz-Beitrag über den Arzt Sigmund Freud:

Quelle: Gehirn&Geist – https://www.facebook.com/gehirnundgeist/

 

Wo liegen die Probleme des kleinen Quiz-Beitrages?

Das Titel-Bild mit dem Mann auf der Couch soll beim Betrachter wohl die Assoziation zur Psychoanalyse wachrufen. Diese aber entstand gar nicht aus der empirischen Psychologie, sondern aus der Medizin. Das Foto passt also nicht, wenn man über Zitate „berühmter Psychologen“ sprechen möchte. Es verursacht eher einen medizinhistorischen Kauderwelsch im Kopf des Lesers.
Dann kommen die erwähnten Ärzte, die wichtige Impulse für die spätere Entwicklung der medizinischen Gebiete Psychiatrie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie geliefert haben. Sie werden als Psychologen bezeichnet.

Ja, aber ist das denn nun so schlimm? Die fühlen sich halt an, wie Psychologen!

Das Entscheidende ist, wieviel Niveausenkung wir bereit sind, zu ertragen. Und auf die Ansprüche: Man kommt auch durchs Leben ohne die Unterschiede von Bundeskanzler, Bundespräsident, Bundestagsabgeordneter und Minister zu kennen. Wer sich mit der Gehirn&Geist beschäftigt, sollte jedoch auch bei mittlerer Komplexität, wie dem Unterschied von Medizinern und Psychologen, Exaktheit erwarten können.

Das Gravierendste ist, dass neuere Forschung den Zusammenhang von körperlichen und psychischen Prozessen immer besser belegen kann. Also die „alten“ Ärzte Freud, Adler, Jung und wie sie alle hießen hatten mehr Recht mit ihrer Medizin für Körper und Psyche, als wir zwischenzeitlich dachten. Wieso kann das nicht klar benannt werden? Gerade das interessiert doch die Follower von Gehirn&Geist!
Die populärwissenschaftliche Zeitschrift firmiert immerhin mit dem Slogan „Psychologie. Hirnforschung. Medizin.“

Das größte Missverständnis zur Medizin psychischer Erkrankungen ist: Sie ist Teil der Humanmedizin (und gehört eben nicht einfach in die „Psychologie“ oder Ähnliches ausgelagert). Solche Beiträge schreiben eine Trennung auf sehr subtile Weise immer weiter fort. Als kleines Quiz – mal im „Vorbeiklicken“ – ist das besonders postfaktisch. Weil bestehende Fehlannahmen viel stärker bestätigt werden, wenn der Text gar nicht zum reflektieren einlädt, sondern Fakten suggeriert. Noch ein Bild von der Analyse-Couch dazu und fertig ist der Psycho-Kauderwelsch.

UPDATE vom 20.01.2017, 20.10 Uhr: Gehirn&Geist hat die hier beleuchteten Zitate kurzfristig von „Psychologen“ in „Seelenkundler“ bzw. „Forscherinnen und Forscher“ an einer anderen Stelle verändert. Kenntlich gemacht oder kommentiert hat das Magazin diese Korrektur nicht.

Quellen
http://www.spektrum.de/quiz/wer-hats-gesagt-7-zitate-beruehmter-psychologen/1433513
http://www.wikipedia.de