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7 Do’s bei akuter Depression (in der ärztlichen Grundversorgung)

Sei es in der Allgemeinmedizin, Gynäkologie oder Neurologie: Es geht schnell – plötzlich sitzt ein Patient mit einer akuten Depression vor Ihnen. Weinend, verzweifelt oder getrieben und vorwurfsvoll, oft voller Angst. Oft erleben Patienten ein absolutes „Getrenntsein“ von der Welt, die nicht mehr viel mit ihnen zu tun zu haben scheint. Beim Arzt stellt sich nicht selten Ärger, Müdigkeit oder das Gefühl der Lähmung und Hilflosigkeit ein. Folgende 7 Do’s sollen Ihnen Impulse geben, das Bestmögliche für Ihren Patienten zu tun.

Kurz zum Hintergrund:
Ätiologisch bedeutsam sind bekanntermaßen psychische, biologische und soziale Faktoren, die in ihrer Konstellation zum Ausbrechen einer depressiven Erkrankung führen oder nicht. Auf psychischer Ebene kann eine Depression verkürzt als die Erkrankung des Mangels und des Verlustes bezeichnet werden. Dies drückt sich bereits in der Symptomatik aus: Mangel an Freude, Verlust an Antrieb und Motivation, innere Leere usw.
Auch der Auslöser ist häufig ein realer oder auch nur phantasierter Verlust, der einen alten, meistens früher im Leben erworbenen emotionalen Mangel zum Dekompensieren bringt und zum Vollbild einer Depression führt. Solche Situationen können sein: Verlust der körperlichen Fitness (z. B. durch eine Krankheit), drohender oder erfolgter Verlust des Arbeitsplatzes, einer Partnerschaft, der eigenen Leistungskraft oder Ähnliches.

Was tun, wenn ein depressiver Patient plötzlich vor Ihnen sitzt?

  • Trotz einer Sogwirkung in die sich oft entfaltende bleierne Schwere, sollte unbedingt die somatische Seite gründlich abgeklärt werden: Anämie? Schilddrüse? Infekte? Autoimmunkrankheiten? Neoplasmen? Demenz? Parkinson? KHK? … Ebenso sind pharmakologische Ursachen häufig: Antihypertensiva, Sedativa, Antiepileptika, Analgetika, Hormone, Chemotherapeutika, Inferferon (!) …
  • Fragen Sie nach Suchtmitteln, denn die Komorbidität mit Suchterkrankungen wird mit bis zu 60% erhoben. Hier lohnt es sich aktiv und wiederholt nachzufragen. Ganz explizit nicht, um eine mögliche „Selbsttherapie“ des Patienten zu verurteilen, sondern um die notwendigen Schritte in eine Depressionsbehandlung einzuleiten, dazu würde dann ggf. eine Suchtberatung gehören.
  • Die S3-Leitlinie Depression weist darauf hin, dass Patienten häufig nicht über typische depressive Kernsymptome berichten. Stattdessen schildern sie unspezifische Schlafstörungen, Schmerzen, Krankheitsgefühl, Appetitminderung sowie diverser Körperbeschwerden. Hier soll unbedingt aktiv exploriert werden, eine schnelle Methode ist der Zwei-Fragen-Test.
  • Aufklärung ist ganz entscheidend. Eine riesige Entlastung bereitet es den Patienten häufig, mitzuteilen: „Bei Ihnen gehe ich vom Vorliegen einer Depression aus.“ Man kann dazu erklären, dass es sich um eine häufige Erkrankung handelt, dass sie unfassbar belastend ist und alles andere als eine vorübergehende Traurigkeit oder „schlechte Stimmung“. Gleichzeitig ist sie heute gut behandelbar und „ich als Ihr Arzt werde jetzt sofort mit Ihnen zusammen beginnen, Maßnahmen zur Linderung zu ergreifen“. Ebenso wird es oft als hilfreich erlebt, über weitere mögliche Symptome aufgeklärt zu werden.
  • Erste Interventionen in der Grundversorgung können es sein, Zuversicht zu vermitteln („Ich kann Ihnen sagen, dass das auf jeden Fall wieder besser wird“), dem Patienten Entscheidungen abzunehmen („Ich schreibe Sie krank und möchte Sie in 7 Tagen wiedersehen“), positive Aktivitäten zu verordnen, konkrete Hilfe anzubieten („Bezüglich Ihrer Unruhe kann ich Sie mit einem schlaffördernden Medikament unterstützen“). Es ist häufig ein direktives Vorgehen nötig, um die Mitarbeit des Patienten zu erreichen. Dont’s sind Ermahnungen, Aggressionen persönlich nehmen, intransparentes Vorgehen, Bagatellisieren der Beschwerden, „psychologisieren“ der Beschwerden.
  • Schließlich sollte das Suizidrisiko unbedingt im Auge behalten werden – das heisst aktives, offenes Nachfragen: Denken Sie daran, sich das Leben zu nehmen? Haben sie es schonmal versucht? Haben Sie Vorbereitungen getroffen? Was hat Sie bisher davon abgehalten (Ressourcen herausarbeiten)?
    Das konkrete Sprechen über mögliche Todeswünsche erhöht das Suizidrisiko nicht. Alle Formen suizidaler Gedanken sind ernst zu nehmen. Maßnahmen können je nach Schwere und Phase der Suizidalität sein: ein klares Kontaktangebot mit konkreten Anschlussterminen, eine Antisuizidvereinbarung, ggf. stationär-psychiatrische oder -psychosomatische Akutbehandlung sowie medikamentöse Maßnahmen.
    Als klinisches Instrument zur Einschätzung der Suizidalität empfiehlt sich auch der „Fragenkatalog nach Pöldinger“, der auch z. B. fest in der Praxissoftware hinterlegt werden kann – hat den Vorteil, dass man gleichzeitig gründlich dokumentiert hat.
  • Die Weiterbehandlung kann in Absprache mit dem Patienten parallel zur Grundversorgung initiiert werden: ambulante und stationäre Angebote aus den Fachgebieten Psychosomatische Medizin und Psychotherapie oder Psychiatrie und Psychotherapie oder alle anderen Fachgebiete, wenn die Qualifikation Psychosomatische Grundversorgung oder die Zusatzbezeichnung Psychotherapie vorhanden ist. Weiterführend kann eine ambulante Psychotherapie indiziert sein. Medikamentös können Antidepressiva, Neuroleptika und Tranquilizer zum Einsatz kommen. Zu unterscheiden ist die akute Medikation zur schnellen Entlastung von schweren Symptomen (ggf. mit Suizidalität) und eine etwaige längerfristig angelegte antidepressive Pharmakotherapie. Eine spezifische Behandlung der Depression sollte übrigens auch erfolgen, wenn somatische oder pharmakologische Befunde (mit)ursächlich sind.

Zusammenfassung
Depressionsbehandlung in der ärztlichen Grundversorgung heißt schneller Beginn, realistisches Ziel, umschriebene Inhalte, pragmatisches, aktives Vorgehen unter Fokussierung auf eine unterstützende, tragfähige Arzt-Patienten-Beziehung.

 

TitelbildTrauernder alter Mann („At Eternity’s Gate“), Vincent van Gogh [Public domain], via Wikimedia Commons

Gehirn&Geist: postfaktischer Wissenschaftsjournalismus in Quizform

Wozu dienen populärwissenschaftliche Magazine wie Gehirn&Geist, wenn typische Falschinformationen subtil bestätigt werden. In einem aktuellen Online-Beitrag macht das Magazin deutlich, dass es nicht die unweit zurückliegenden Entwicklungsstränge der Medizin und der Psychologie grob auseinanderhalten kann oder will. Nutzen wir doch die Gelegenheit, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen.

„…Es ist ein neues Quiz-Format“ entschuldigt sich die Zeitschrift Gehirn&Geist auf Facebook, nachdem ein Leser auf grobe Fehler des beliebten, populärwissenschaftlichen Magazins (> 30.000 Exemplare Auflage) hingewiesen hatte, ohne diese aber zu korrigieren.

Aber fangen wir mal vorne an. Und schieben wir die Frage nach hinten, ob das alles überhaupt wichtig ist oder ob es nicht völlig egal ist, was die Gehirn&Geist ins Internet schreibt.

Auf Facebook postete das Magazin Ende dieser Woche ein Quiz, in dem beantwortet werden soll, von welchen berühmten Psychologen sieben historisch relevante Zitate stammten.

Was wohl nur dem „Fachmann“ auf den ersten Blick auffällt: ein Teil der als „berühmte Psychologen“ bezeichneten Persönlichkeiten sind eigentlich berühmte Ärzte, wie u. a. folgende:

Sigmund Freud
Er war ein österreichischer Arzt für Neurologie und der Begründer der Psychoanalyse (1856-1939). Er hatte in Wien Medizin studiert und sich anschließend intensiv mit Neurophysiologie und Pharmakologie, später auch mit Neuropathologie beschäftigt. Er ließ sich schließlich als Arzt in Wien nieder und entwickelte die Methode der Psychoanalyse, nicht etwa in Abkehr von der Medizin, sondern um die Sichtweise auf Erkrankungen um die subjektive Ebene zu erweitern. Erst sehr viel später konnte seine Methode auch von anderen Berufsgruppen, den damals s. g. „Nicht-Ärzten“ durchgeführt werden („Laienanalyse“).

Alfred Adler
Adler (1870-1937) studierte ebenfalls Medizin in Wien und arbeitete zunächst als Augenarzt, später als Allgemeinmediziner. Er nahm an Veranstaltungen von Freud teil und entwickelte seine eigene Lehre von der Psychoanalyse, die sich besonders auf das Organsystem des Menschen bezieht. 1907 veröffentlicht er die „Studie über die Minderwertigkeit von Organen“ und legt als Mediziner einen weiteren Grundstein zum Verständnis von Körperbeschwerden, die durch psychische Auslöser (mit)bedingt sind.

C. G. Jung
Der Schweizer Arzt und Psychiater C. G. Jung (1875-1961) studierte Medizin in Basel, beschäftigt sich viel mit Psychosen, entwickelte eigene psychodynamische Konzepte (Analytische Psychologie) und wurde Vorstandsmitglied der Internationalen Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie (IAÄGP). Übrigens gehörte der Schriftsteller Hermann Hesse zu Jungs Patienten.

Das sind also alles Ärzte – aber was ist die Psychologie?

Die Psychologie ist eine streng empirische Wissenschaft und keine Heilkunde wie die Medizin. Sie beschäftigt sich mit den Erleben und Verhalten des Menschen, nicht um Krankheiten zu heilen sondern zunächst erstmal als eine Grundlagenwissenschaft. Statistik und Anthropologie bilden die Grundlage des Faches Psychologie. Psychologie gibt es als eigenständige wissenschaftliche Disziplin seit Anfang des 19. Jahrhunderts. Wenn man ein Psychologie-Studium abgeschlossen hat, kann man heute in Deutschland eine mehrjährige Ausbildung zum Psychotherapeuten machen. Ist das vielleicht der Link, der Gehirn&Geist im Kopf herumspukte?

Screenshot aus dem Quiz-Beitrag über den Arzt Sigmund Freud:

Quelle: Gehirn&Geist – https://www.facebook.com/gehirnundgeist/

 

Wo liegen die Probleme des kleinen Quiz-Beitrages?

Das Titel-Bild mit dem Mann auf der Couch soll beim Betrachter wohl die Assoziation zur Psychoanalyse wachrufen. Diese aber entstand gar nicht aus der empirischen Psychologie, sondern aus der Medizin. Das Foto passt also nicht, wenn man über Zitate „berühmter Psychologen“ sprechen möchte. Es verursacht eher einen medizinhistorischen Kauderwelsch im Kopf des Lesers.
Dann kommen die erwähnten Ärzte, die wichtige Impulse für die spätere Entwicklung der medizinischen Gebiete Psychiatrie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie geliefert haben. Sie werden als Psychologen bezeichnet.

Ja, aber ist das denn nun so schlimm? Die fühlen sich halt an, wie Psychologen!

Das Entscheidende ist, wieviel Niveausenkung wir bereit sind, zu ertragen. Und auf die Ansprüche: Man kommt auch durchs Leben ohne die Unterschiede von Bundeskanzler, Bundespräsident, Bundestagsabgeordneter und Minister zu kennen. Wer sich mit der Gehirn&Geist beschäftigt, sollte jedoch auch bei mittlerer Komplexität, wie dem Unterschied von Medizinern und Psychologen, Exaktheit erwarten können.

Das Gravierendste ist, dass neuere Forschung den Zusammenhang von körperlichen und psychischen Prozessen immer besser belegen kann. Also die „alten“ Ärzte Freud, Adler, Jung und wie sie alle hießen hatten mehr Recht mit ihrer Medizin für Körper und Psyche, als wir zwischenzeitlich dachten. Wieso kann das nicht klar benannt werden? Gerade das interessiert doch die Follower von Gehirn&Geist!
Die populärwissenschaftliche Zeitschrift firmiert immerhin mit dem Slogan „Psychologie. Hirnforschung. Medizin.“

Das größte Missverständnis zur Medizin psychischer Erkrankungen ist: Sie ist Teil der Humanmedizin (und gehört eben nicht einfach in die „Psychologie“ oder Ähnliches ausgelagert). Solche Beiträge schreiben eine Trennung auf sehr subtile Weise immer weiter fort. Als kleines Quiz – mal im „Vorbeiklicken“ – ist das besonders postfaktisch. Weil bestehende Fehlannahmen viel stärker bestätigt werden, wenn der Text gar nicht zum reflektieren einlädt, sondern Fakten suggeriert. Noch ein Bild von der Analyse-Couch dazu und fertig ist der Psycho-Kauderwelsch.

UPDATE vom 20.01.2017, 20.10 Uhr: Gehirn&Geist hat die hier beleuchteten Zitate kurzfristig von „Psychologen“ in „Seelenkundler“ bzw. „Forscherinnen und Forscher“ an einer anderen Stelle verändert. Kenntlich gemacht oder kommentiert hat das Magazin diese Korrektur nicht.

Quellen
http://www.spektrum.de/quiz/wer-hats-gesagt-7-zitate-beruehmter-psychologen/1433513
http://www.wikipedia.de

Sprech-Stunde: Warum Mediziner unbedingt podcasten sollten

Podcasting ist derzeit ein riesen Trend. Zusammengesetzt ist es aus den Worten „Pod“, abgeleitet von apples iPod und „Cast“, zurückzuführen auf das englische Broadcasting, also Rundfunk. Es handelt sich um eine Art persönliche Radiosendung, die jeder als abonnierbare MP3-Dateien über das Internet verbreiten oder empfangen kann. Aufgrund seiner gezielten Ausstrahlung nur an Interessenten (und nicht an jeden, wie im Radio) können auch wunderbar Nischenthemen abgedeckt werden.

Folgender Artikel soll Ihnen helfen zu entscheiden, ob das Thema Podcasting für Sie, Ihre Praxis oder Abteilung bzw. Ihre Forschungsvorhaben interessant ist. (Der Text kann auch für Fachkreise weiterer Berufe im Gesundheitswesen relevant sein.)

Weshalb sind Podcasts beliebt?

Das klassiche Radio versucht zu vermeiden, dass Hörerinnen und Hörer abschalten. Das funktioniert am besten über Musik, denn meistens ist für jeden etwas dabei. Gesprochenes Wort polarisiert deutlich mehr, was sich viele Radiostationen nicht antun wollen. Für an speziellen Themen interessierte Menschen kommen also Podcasts als alternatives Radio-on-demand wie gerufen. Allein auf iTunes sind derzeit über 250.000 Produktionen gelistet. Das ganze ist kostenlos und bequem: man kann sie am PC oder direkt auf das Smartphone herunterladen und im Zug oder beim Spazienrengehen hören, auch wenn man offline ist. Inzwischen hat Apple auf jedem ausgelieferten iPhone die Podcast-App bereits vorinstalliert, was die Reichweite für Podcast-Macher erhöht.

Was macht Podcasting so besonders?

In einer immer komplexer werdenden Medizin sind Audiodateien, von Ihnen – z. B. als Arzt in der Praxis oder als Forschungs- oder Abteilungsarzt selber produziert, eine Möglichkeit, Ihren Botschaften genügend Raum zu geben. Es ist nicht nötig, sich an übliche Artikellängen zu halten und Konventionen, was Aufbau und Reduktion angeht, einzuhalten. Sie sind frei, was die Länge einzelner Folgen angeht und in der Verwendung verschiedener Formate: Vielleicht lässt sich eine neue Untersuchungstechnik in Ihrem Labor gut als Interview darstellen, in dem verschiedene beteiligte Mirarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre „Experteneinschätzung“ dazu abgeben. Oder Sie berichten direkt nach der Mitgliederversammlung Ihres Berufsverbandes, was es an neuen Entwicklungen Ihrer Fachgruppe gibt.

Trotz der Begrenzung Ihrer Zielgruppe auf Ihre Kundschaft, Ihre Berufskolleginnen und Kollegen oder Ihre Patientientinnen und Patienten, wird sich schnell eine Hörerschaft finden, die eben genau an Ihren Themen sehr interessiert ist – und somit auch aus treuen und interaktiven Followern bestehen wird.

Zudem ist ein Podcast ein sehr persönliches Medium. Da die meisten Podcasts über Handy und Ohrstöpsel hören, findet das ganze direkt im Ohr der Hörerin oder des Hörers statt. Je nach Interesse verbringen Sender und Empfänger eine ganze Menge Zeit miteinander und die Podcasterin oder der Podcaster zeigt viel mehr von seiner Persönlichkeit als bei einem Text-Angebot. Patientinnen und Patienten wissen sehr zu schätzen, gelegentlich locker vorgetragene, medizinische Alltags-Tipps von Ihnen zu erhalten. Beispiele können sein: monatliche Tipps für das Management eines Diabetes, Aufklärung über typische Medizin-Mythen („Antibiotika gegen Grippe“) oder Erläuterungen zu neuen OP-Techniken. Einiges kann hier sicher besser, direkter und persönlicher an die Zielgruppe vermittelt werden, als wenn es über den herkömmlichen „Medizinjournalismus“ läuft, der seit Jahr und Tag bemüht ist, die Definitionshoheit über Krankheit und Gesundheit zu übernehmen (vgl. Edward Shorter).

Sie wollen lieber erstmal zuhören?

Kein Problem, denn es gibt eine bombastische Auswahl an deutsch- und englischsprachigen Medizinpodcasts. Am besten sucht man bei iTunes in der Rubrik „Wissenschaft & Medizin > Medizin“. Man findet nur zum Beispiel: „Listen to The Lancet“, „Nature Medicine Podcast“, NEJM This Week“, „Braincast – auf der Frequenz zwischen Geist und Gehirn“, „Ask an Eye Doc“, „The Dr. Drew Podcast“ eines amerikanischen Internisten und Suchtmediziners und den „PsychCast“ als Psychiatrie- und Psychosomatik-Podcast, den ich seit ca. zwei Jahren zusammen mit meinem Freund Dr. Jan Dreher betreibe. Eine Medizin-Uni, die bereits podcastet ist z. B. die Medizinische Hochschule Hannover.
Leider sieht man auch, dass unheimlich viele medizinische Themen von nicht-medizinischem Personal bespielt werden, sodass Hörer auch nicht selten falschen oder manipulativen Informationen ausgesetzt sind, die am Ende eine Kaufentscheidung befördern sollen.
Internet-Kenner und Blogger Sascha Lobo ist sich sicher, dass die Ärzteschaft derzeit eine Riesenchance auf die Teilnahme an der Realitätserzeugung im Netz verpasse: Die Ärzteschaft als Ganzes müsse sich darüber klar werden, dass sie Teil eines digitalen Lebensstiles würde (vgl. Ärzte Zeitung).

Was braucht man zum Starten?

Sollten Sie sich entscheiden, dem aktiven Podcasting eine Chance zu geben, brauchen Sie nicht viel: eine gute Idee, ein paar Themen für die ersten Shows, ein USB-Mikrofon oder ein mobiler Audiorecorder z. B. vom Marktführer ZOOM reichen aus, um bereits hochwertige Audioaufnahmen zu erstellen. Ein wenig zurechtschneiden lässt sich das ganze einfach mit der Freeware Audacity. Je nach Technikaffinität gibt es dann verschiedene Möglichkeiten, das Ergebnis in die Welt zu senden: Soundcloud (das „Youtube der Audiodateien“), eine WordPress-Installation auf dem eigenen Webspace mit dem Podlove-Plugin oder der Podcast-Anbieter Libsyn sorgen für die Verfügbarkeit auf jedem Fleck der Erde. Hier ist ganz klar zu sagen: Ja, Lust auf ein technisches Projekt sollte vorhanden sein, sonst kann das alles ganz schön frickelig werden. Natürlich gibt es auch einige Alternativen zum Podcasting: Videos auf Youtube verbreiten, was sicher noch deutlich zeitaufwändiger und technisch anspruchsvoller ist. Zudem kann man über das klassische Bloggen seine Zielgruppe erreichen, dafür kann man mit nur wenigen Klicks einen Blog auf DocCheck.com anlegen.

Kann ich mit Medizin-Podcasts Geld verdienen?

Ja und nein. Ein seriöser Podcast ist zunächst mal ein Geschenk an alle, die das Thema interessiert. Ihren Einsatz direkt zu Geld zu machen ist schwierig (aber prinzipiell über Werbung möglich). Ich würde jedoch vom Podcasten abraten, wenn dies das Ziel sein sollte. Denn was man als Podcaster – abgesehen von Geld – zurückbekommt ist unbezahlbar: Kontakt zu unheimlich vielen Menschen, die bestimmte Dinge gleich oder anders sehen, Ihnen aber aufmerksam zuhören und vielleicht gerne einmal in Ihrem Podcast zu Gast wären. Dies wiederum bietet neuen Mehrwert für Ihre Hörer und Sie. Zudem können Sie Ihr fundiertes Wissen zu bestimmten Themen der Medizin vermitteln, also lehren und aufklären – ein tief verwurzeltes Anliegen vieler Ärztinnen und Ärzte.

Und klar, natürlich ist ein Podcast für die Praxis oder Klinik auch PR und zwar auf einem überaus transparentem Weg: Sie verschenken ehrliche Einblicke und „persönliche Mitteilungen“ an Interessierte und Patientinnen und Patienten. Diese können sich schon ein Bild von Ihnen und Ihrer Arbeitsweise machen, bekommen schon aktuelle medizinische Informationen und entscheiden dann, ob Sie die oder der richtige Ansprechpartner/in für sie sein könnten.
Außerdem kann es Zeit sparen, immer die gleichen Dinge in der Sprechstunde in aller Ausführlichkeit zu wiederholen: die oder der junge, sowieso online lebende Patientin oder Patient kann doch mit einem Fingerwisch alle Infos zu den aktuellen Impfempfehlungen auf dem Smartphone anhören – von Ihnen persönlich zusammengefasst!

Übrigens: Ich bin ein absoluter Gegner davon, den persönlichen und auf Vertrauen basierenden Kontakt zu unseren Patientinnen und Patienten durch leblose online-Angebote (für alles gibt’s ’ne App) zu ersetzen und die Medizin undifferenziert zu einer reinen Dienstleistung werden zu lassen. Aber im Podcasting sehe ich die Chance, die gute alte Medizin der persönlichen Ansprache und die „Droge Arzt“ auch ein wenig ins digitale Zeitalter zu transferieren.

3 kurze Tipps zum Start

Wenn Sie ein gutes Handy wie ein iPhone haben, können Sie versuchen, damit erste Aufnahmen zu erstellen. Die Qualität ist inzwischen recht gut.

Engagieren Sie lieber keine professionelle Firma, die Ihnen einen Podcast produziert. Wenn die persönliche Note wegfällt, kann das Ganze für die Hörer schnell uninteressant werden.

Bedenken Sie auch folgenden Vorteil: als Podcaster ist man noch Aufmerksamer auf Fortbildungen und interessierter an kniffeligen Fällen – überall lauert das Thema für die kommende Podcast-Ausgabe!

 

Dieser Artikel ist auch auf DocCheck.com erschienen.

Foto: Kugelstadt

Der Antidepressiva-Reflex

Mal einfach gedacht: Wenn einer eine Infektion hat, gibt man ihm ein Antiinfektivum. Gegen Vergiftungen helfen Gegengifte (Antidots), gegen Terror setzt man Anti-Terror-Einheiten ein, gegen Faschisten machen Antifaschisten mobil. Und was tut man gegen eine Depression? Klar: Antidepressiva geben. Oder?

Sprache verführt

Dass hier Sprache verführt und man dem immer noch gesellschaftlich tief verankerten Irrtum nach einfachen, mechanistischen Ursache-Wirkungs-Prinzipien aufsitzt, wird schnell erkennbar. Ihnen fallen sicher sofort einige Infektionen ein, bei denen man im klinischen Alltag keine Antiinfektiva gibt, da sie nichts nutzen oder ihr Nutzen nicht die Nachteile überwiegt.

Allgemein ist natürlich nichts dagegen einzuwenden, dass Sprache unser Denken prägt und Denken Vereinfachungen braucht. Doch in folgendem Zusammenhang gerate ich zunehmend ins Zweifeln:

Der Antidepressiva-Reflex

Die Ursachen depressiver Erkrankungen sind sehr inhomogen, komplex und vielschichtig sowie häufig durch Komorbidität (mit)geprägt. Entsprechend differenziert ist die Wahl des Behandlungsverfahrens zu betreiben.

Dennoch höre ich als Arzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie meistens die eine Frage von Mitbehandlern, MDK und Behörden:

Warum hat der Patient kein Antidepressivum?

Diese verführerische Frage nach dem scheinbar Naheliegenden taufe ich den Antidepressiva-Reflex. Immer, wenn sie mir gestellt wird, macht sich kurz das Märchen von der Depression als Gift und dem Antidepressivum als Gegengift breit. Gesponsert – nehme ich an – von der Macht der Sprache. Studien nämlich zeigen immer deutlicher: der Placebo-Effekt spielt bei den Antidepressiva eine große Rolle. Und antidepressiv wirken Dinge wie Sport oder eine gute therapeutische Beziehung als Korrektiv für negative Bindungserfahrungen mindestens genauso stark.

Sozialer Druck als Ursache?

Die Depression ist eine Krankheit, die oft zu langen Zeiten der Arbeitsunfähigkeit führt: eine mittelgradige depressive Episode z.B. zu 75 Tagen im Schnitt, eine rezidivierende mittelgradige Episode zu fast 90 Tagen. Das Wort „mittelgradig“ hört sich nicht so ganz schlimm an, beschreibt jedoch in der Praxis oft ein schweres Krankheitsbild mit großen Einschränkungen und hohem Leidensdruck – und langer Krankschreibung.

Aufgrund der Dauer ihrer Erkrankung geraten viele Patienten in den Krankengeldbezug, erhalten also eine Lohnersatzleistung. Beim Patienten, bei den Krankenkassen, beim MDK, bei den Mitbehandlern besteht ein gewisser Druck: Lösungen für eine schnelle Gesundung müssen her, und zwar schnell. Die flächendeckend verinnerlichte Formel scheint zu lauten: „Depressive Episode + Antidepressivum = Arbeitsfähigkeit“.

Die Lange der Dauer einer depressiven Erkrankungsphase liegt jedoch vielmehr in der Natur, in der Langsamkeit des Seelenlebens und seiner Heilungsfähigkeit statt in einer „versäumten“ Psychopharmakotherapie. So wirkt das Ganze dann jedoch häufig nach außen.

Depressionsbehandlung ohne Reflex

Die Wahrheit ist, dass sich Ursachen einer Depression in einer gründlichen psychosomatischen Untersuchung durchaus differenzieren lassen. Diagnostik-Dauer beim Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie: etwa 4 Termine à 50 Minuten – schneller ist die Seele leider nicht. Für den individuellen Fall lassen sich dann durchaus intrapsychische, soziale und somatische Ursachen differenzieren. Auch für die Psychogenese von Erkrankungen lassen sich Kriterien erfassen und auswerten: durch die Sachinformationen des Patienten, durch das szenische Verstehen der Patient-Arzt-Interaktion. Und durch das Einordnen des heutigen Denkens, Fühlens und Handelns in einen biographischen Kontext sowie durch die genaue Ermittlung des eine Symptomatik auslösenden Momentes.

Lassen sich psychodynamische Ursachen für eine Depression ermitteln und stellen diese für Patient und Arzt eine gemeinsame Arbeitsgrundlage dar, ist eine psychotherapeutische Behandlung und nicht die medikamentöse Therapie sicher der Goldstandard. Entgegen vieler Behauptungen fordert die S3-Leitlinie übrigens nichts anderes: bei der leichten Episode erstmal watchful waiting, bei der mittelgradigen Episode Psychotherapie oder Medikation und bei der schweren die Kombination Somato- und Psychotherapie.

Ratio sollte ausschlaggebend sein

Dieser Text möchte die medikamentösen Möglichkeiten in der Behandlung depressiver Erkrankungen keineswegs verteufeln. Im Gegenteil. Sie können nötig und richtig sein. Es ist gut, dass wir die Substanzen auf der einen Seite, und die Effekte von Selbsterkenntnis und innerer Veränderung durch korrigierende emotionale Erfahrungen auf der anderen Seite, zur Therapie nutzen können.

Bei der gründlichen Behandlungsplanung im Sinne des Patienten sollten wir uns von der Wucht des Antidepressiva-Reflexes nicht leiten lassen.

Quellen:
TK Depressionsatlas 2015
S3 Leitlinie Depression
Kirsch-Studie

Dieser Artikel ist auch auf DocCheck.com erschienen.

Foto: A. Kugelstadt

Beschleunigung und Psychotherapie

Beschleunigung und Psychotherapie

Das Zeitalter der Selbstoptimierung

Wir befinden uns im Zeitalter der Beschleunigung und Selbstoptimierung. Der „Psychotherapeut“ (ein Fachmagazin) von März dieses Jahres fiel mir kürzlich in die Hände. Der Titel: „Der optimierte Mensch“. Im Artikel „Optimize yourself“ von Diana Pflichthofer heisst es dort:

Ganz und gar unzeitgemäß scheint es heute zu sein, sich für etwas, für sich, für den anderen Zeit zu nehmen. „Scheint“, weil dieses zu unterschreiben eigentlich schon bedeutet, sich dem Diktat des allgegenwärtigen Kapitalismus zu beugen.

Selbstmarketing ist ein weiteres dieser Stichwörter. Wer sich vermarktet muss schnell sein, reagieren. Facebook misst und veröffentlicht z. B. die durchschnittliche Antwortzeit auf einer Facebook-Page: „antwortet innerhalb von Minuten“ z. B. – Geschwindigkeit ist zu einer Währung geworden.

Aber auch psychotherapeutische Prozesse (als Kommunikationstechnologie) stehen vor einer neuen Herausforderung: wie können sie in der beschleunigten Welt bestehen ohne an Qualität zu verlieren?

Warum Kommunikation aus dem Reflex dem Patienten schadet

Der „psychotherapeutische Raum“ (insbesondere in der Psychodynamischen Psychotherapie) ist ein Ort, an dem wir nicht wie im Alltag kommunizieren. Innerhalb eines klaren und transparenten Rahmens versuchen wir viel mehr, die Aussagen hinter dem Gesagten und die Bedeutung des scheinbar Unbedeutenden zu verstehen. Das ist deshalb wichtig, weil dem seelisch Kranken etwas abhanden gekommen ist. Er hat ein Stück von sich selbst, eine wichtige Kontaktstelle zur Welt verloren oder einen inneren Kompass, der nicht mehr abzulesen ist. Kurzum: In einer Therapie geht es zunächst einmal um das Verstehen, was eigentlich los ist.

Weil die Ursachen unbewusst verborgen sind und sich in quälenden Symptomen äußern (statt in Sprache) gleicht die Suche einer mittelgroßen Schatzsuche. Jeder mögliche Hinweis muss auf dem Puzzle der Schatzkarte auf seine Relevanz überprüft werden, vor allem Randbemerkungen, E-Mails, SMS, Anrufbeantworter-Sprüche, Facebook-Messages. Sie entstehen nämlich häufig aus dem Bauch, aus dem Gefühl der Eile, der Dringlichkeit.

Für uns Psychotherapeuten ist es wichtig, dem einen Raum zu geben und gemeinsam mit unseren Patienten einen Verstehensprozess zu beginnen. Dafür ist es jedoch schädlich, gleich den Ball zurückzuspielen und reflexhaft zu antworten. Weil wir uns dann vielleicht gut verstehen und das angenehme Gefühl einer schnellen Resonanz erzeugen, jedoch nicht auf die tiefere Schicht der eigentlichen Nöte und Ängste vorstoßen. Wir hätten einen Krückstock geschaffen ohne verstanden zu haben, warum das Bein humpelt.

Gedanken müssen reifen

In einer Psychotherapie übt man wieder, Gedanken reifen zu lassen. Dies scheint im beschleunigten Alltag immer schwieriger zu werden. Gedanken reifen lassen heisst auch, nicht jede Frage sofort zu beantworten. Sondern es heisst: die Frage und ihre Bedeutung wirken lassen zu können. Und verschiedene Antworten und ihre Auswirkungen einmal zu durchdenken. Vielleicht kennen Sie das: Wenn man eine E-Mail nicht am selben Tag beantwortet sondern zwei Tage liegen lässt, fällt die Antwort ganz anders aus, als man am Anfang dachte. Völlig unbemerkt hat das Thema in einem weitergearbeitet und konnte neu geordnet werden. Früher sprach man vom „nochmal drüber schlafen“. Keine schlechte Idee… wenn bloß nicht überall die „Sofortkauf-Schaltflächen“ leuchten würden.

Herausforderung für Patienten und ihre Psychotherapeuten

Im therapeutischen Raum gibt es keinen Sofortkauf. Die Kunst besteht darin, das Handeln einmal hinten anzustellen und einen Gedanken, ein Sorge, einen Impuls aus verschiedenen Himmelsrichtungen zu beleuchten. Das kann für den modernen Menschen ungewohnt sein. Gleichzeitig hat es etwas heilsames, diesen Raum zunächst in der Therapie wieder zu entdecken – und dann auch für sich selber, ganz alleine. Für uns Therapeuten gilt das Gleiche: es ist ungewohnt, Anfragen liegen zu lassen oder eigenen Impulsen nach einer schnellen, „das-wird-schon-Antwort“ zu widerstehen, zumal die Geschwindigkeit, in der Alltagskommunikation heute abläuft durch WhatsApp und andere sehr rasant geworden ist.

Patienten und Psychotherapeuten müssen letztlich deutlicher als früher klären, wozu sie schnelle, digitale Kommunikationswege nutzen können und wollen. Noch viel mehr als im Alltag wird deutlich, dass es sich im Rahmen einer Psychotherapie nur um Hilfsmittel handelt, wenn wir ihre Verwendung in einen kommunikativen Zusammenhang, in eine Beziehung einordnen können. Das Reflektieren darf nicht zu Gunsten der Geschwindigkeit gekürzt werden.

Das Eigentliche, das therapeutisch Wirksame wird sich nur in einem entschleunigten Austauschen von Gedanken und Gefühlen entfalten können. Bei wichtigen Überlegungen ist es wahrscheinlich wie bei gutem Wein: je älter desto besser.

Dieser Artikel ist auch im Psychosomatikum Blog auf DocCheck.de erschienen.

Bekommen und Geben in der Marketing-Gesellschaft (und im Werk Erich Fromms)

In seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ (1956) setzt sich der Psychoanalytiker Erich Fromm u. a. mit der im Alltag völlig vergessenen Frage auseinander, wie sich Bekommen und Geben eigentlich zueinander verhalten.

Heutzutage, in der Marketing-Gesellschaft bzw. im Zeitalter der sogenannten „Generation vielleicht“ (Holger Salge) würde die Antwort naheliegen, dass man schon gibt – aber natürlich um dafür wiederum zu bekommen. Mit anderen Worten: man kauft sich, was man möchte und bezahlt für diese Leistung (möglichst wenig) Geld. Gemeinhin scheint dann jedoch die Erwartung angemessen, für das gezahlte Geld eine einwandfreie Leistung zu erhalten, bei der die Gegenseite keinen weiteren Gewinn als den finanziellen zu erwarten habe. Außerdem kann jede nicht makellose Lieferung jederzeit storniert, rückabgewickelt oder beanstandet werden („Generation vielleicht“ eben, vielleicht aber auch nicht).

Aber: macht uns das glücklich?

Im Onlinehandel kann das bestimmt punktuell sinnvoll sein, aber ganz generell würde Fromm sicher mit „nein“ antworten. Er schreibt: „(was Geben heißt) ist doppelsinnig und ziemlich kompliziert. Das am meisten verbreitete Missverständnis besteht in der Annahme, Geben heißt etwas ‚aufgeben‘, dessen man damit beraubt wird und das man zum Opfer bringt (…). Der Marketing-Charakter ist zwar bereit, etwas herzugeben, jedoch nur im Austausch für etwas anderes, das er empfängt; zu geben ohne zu empfangen, ist für ihn gleichbedeutend mit Betrogenwerden.“

Daher rühre laut Fromm auch der Spruch „Geben ist seliger denn Nehmen“, der besage, es sei besser Entbehrungen „zu erleiden“ als Freude zu erfahren. Dabei sieht er gerade im Geben bzw. im Schenken den höchsten Ausdruck des Vermögens: Stärke, Reichtum und Macht. Nicht weil es ein Opfer sei, sondern weil darin die eigene Lebendigkeit zum Ausdruck komme.

Und irgendwann kommt Erich Fromm weg von der Betrachtung des Materiellen, hin zur Untersuchung der Bedeutung für den zwischenmenschlichen Bereich. Eine Frage, die heute zweifellos gesellschaftlich hochinteressant ist. Er fragt: „Was gibt ein Mensch dem anderen? Er gibt etwas von sich selbst, vom Kostbarsten, was er besitzt, er gibt etwas von seinem Leben. (…) er gibt ihm etwas von seiner Freude, von seinem Interesse, von seinem Verständnis, von seinem Wissen, von seinem Humor, von seiner Traurigkeit – von allem, was in ihm lebendig ist.“

Fromm macht deutlich, dass er nicht (nur) private Beziehungen, Liebesbeziehungen meint, sondern den Alltag, überall:

Der Lehrer lernt von seinen Schülern, der Schauspieler wird von seinen Zuschauern angespornt, der Psychoanalytiker wird von seinen Patienten geheilt – vorausgesetzt, dass sie einander nicht wie leblose Gegenstände behandeln, sondern echt und schöpferisch zu einander in Beziehung treten.

Mir scheint das bedeutsam und aktuell zu sein. Erwarten wir zu viel programmiertes, berechenbares Geben von Dienstleistern, Krankenschwestern und -Pflegern, ErzieherInnen usw.? Vertun wir uns die Chance, in einen echten Kontakt miteinander zu treten und etwas Wahres voneinander zu bekommen – ganz gleich, wer gerade eine Leistung zu erwarten hat, und wer der Zahlende ist?

Beitragsfoto: Müller-May / Rainer Funk / CC-BY-SA-3.0 (DE)

Psychotherapie, Wartezeit, Verwirrungen – und welcher Weg Sie in die richtige Behandlung führt

Wartezeit und Psychotherapie: ein leidiges Thema

Das Thema Wartezeit ist in aller Munde, wenn es um Psychotherapie geht. Oftmals heisst es, dass es bis zu 3 Monate bis zu einem Ersttermin beim Psychotherapeuten dauert und bis zu 6 Monate bis zum Beginn einer Behandlung. Das klingt sicher zu lang, wenn man unter psychischen oder psychosomatischen Symptomen leidet. Zu allem Überfluss fällt es einem dann noch besonders schwer, Dutzende Praxen durchzutelefonieren und sein Anliegen auf Band bzw. auf einem Sprachchip zu hinterlassen. Doch muss es so lange dauern? Und was können Sie tun?

Einige Missverständnisse sollten zunächst ausgeräumt werden

Die zunächst nahe liegende Schlussfolgerung, es müsste einfach mehr psychotherapeutische Praxen geben, damit die Wartezeit sinkt, greift zu kurz. Das Problem ist viel mehr: viele Erkrankte, die in der Warteschleife für einen Termin beim Psychotherapeuten sind, wären gar nicht richtig aufgehoben in einer ambulanten Psychotherapie. Sie fühlen sich krank und leiden unter bestimmten psychischen oder körperlichen Symptomen und beschließen darauf, einen so genannten „Psychotherapie-Platz“ zu suchen. Das hört dann der Psychotherapeut auf seinem AB, schaut in den Kalender, sieht viele Patienten, die er bereits behandelt und ruft nicht zurück, da er einen solchen Platz nicht hat…

Also besteht hier viel weniger ein absoluter Mangel als eine Fehlsteuerung: direkt zum Psychotherapeuten zu gehen, bedeutet das Pferd von hinten aufzuzäumen. Denn Psychotherapie ist eine sehr spezielle Form der Behandlung und sollte gezielt eingesetzt werden – am Ende einer soliden Diagnostik.

Wer diese „Psychotherapeuten“ eigentlich sind

Dazu kommt eine riesige Begriffs-Verwirrung bei den Psycho-Berufen – es gibt nämlich zwei Gruppen von Psychotherapeuten (für Erwachsene):

  • Die Ärztlichen Psychotherapeuten, die Medizin studiert haben, also Arzt + Psychotherapeut sind. Sie können „Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie“, „Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie“ sein oder Facharzt einer anderen Fachrichtung wie Allgemeinmedizin oder Gynäkologie sein und die Zusatzqualifikation „Psychotherapie“ besitzen. Sie können körperliche und psychische Diagnosen stellen, Medikamente verordnen, sozialmedizinische Einschätzungen tätigen und psychotherapeutische Behandlungen durchführen sowie eine mehrschichtige Erstversorgung anbieten.
  • Die Psychologischen Psychotherapeuten. Sie haben Psychologie studiert, sind also Psychologen und keine Ärzte und haben im Anschluss an ihr Studium eine umfangreiche psychotherapeutische Ausbildung absolviert. Da sie keine Mediziner sind müssen sie Diagnosen in Zusammenarbeit mit Ärzten erstellen und können natürlich keine Medikamente verordnen oder krankschreiben. Sie sind also versierte Fach-Spezialisten in der Behandlungstechnik Psychotherapie, jedoch keine Körper- oder Psychosomatik-Experten.

Was braucht ein psychisch oder psychosomatisch Erkrankter?

Insgesamt wird viel zu früh und alternativlos nach einer Psychotherapie gesucht oder dahin verwiesen. Das stellen einer psychischen oder psychosomatischen Diagnose ist jedoch nicht spielend leicht, zumal diverse körperliche Ursachen wie z. B. Hirntumoren, Stoffwechselstörungen, Entzündungen, Süchte und neurologische Erkrankungen die Symptome von seelischen Krankheiten imitieren und damit nur vortäuschen. Hier findet sich der Auslöser aber im Körper! Das heisst, wenn Sie sich seelisch beeinträchtigt fühlen, brauchen Sie einen Arzt, der die Ursache Ihres Zustandes gründlich abklärt. Damit kann der Hausarzt beginnen und andere Körperspezialisten und z. B. den Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (Psychosomatiker) hinzuziehen, der Spezialist für die Schnittstelle von Krankheiten an der Grenze von Körper und Seele ist. Zudem ist er der am umfangreichsten ausgebildete Psychotherapeut im deutschen Gesundheitssystem ist. Übrigens: in Deutschland gibt es 66.000 Ärzte mit der Zusatzbezeichnung Psychosomatische Grundversorgung, die genau die richtigen Ansprechpartner zu einer ersten Abklärung psychischer / psychosomatischer Beschwerdebilder sind!

Heute ist viel bekannt darüber, dass psychische Erkrankungen viel Gemeinsames mit körperlichen Erkrankungen haben – und keine Leiden geringerer Wichtigkeit sind. Depressionen treten z. B. bei Diabetes mellitus viel häufiger auf, u. a. da der Stoffwechsel nicht im Gleichgewicht ist. Die Depression ist eine Krankheit des Körpers und der Seele und kein „psychologisches Problem“. Also egal ob Körper oder Psyche: ab zum Arzt!


Wie finden Sie nun den richtigen Arzt?

Suchen Sie nun einen Termin beim Psychosomatiker (oder einem anderen Arzt) sprechen sie nicht von „Therapieplatzsuche“, sondern davon, Ihren Zustand und ihre Behandlungsmöglichkeiten abklären lassen zu wollen. Die meisten Ärzte können dafür wesentlich schneller Termine anbieten, und auch Sie wollen erst einmal Klarheit über Ihre Krankheit bekommen und darüber, ob überhaupt eine ambulante Psychotherapie oder eher ein Klinikaufenthalt, eine Reha, ein Drogenentzug, eine medikamentöse Therapie oder vielleicht nur eine zeitweise Krankschreibung in Frage kommt. In den meisten Fällen kommt in erster Linie eine andere Behandlung als die klassische, wöchentliche Psychotherapie in Betracht. Bis zum Ersttermin beim Psychosomatiker dauert es im Schnitt nur 12 Tage (1).

Wenn die Psychotherapie angezeigt ist…

Steht Ihre Diagnose längst und ist eine Psychotherapie geplant, kann es hilfreich sein, sich auf Empfehlung von jemandem bei einem Ärztlichen oder Psychologischen Psychotherapeuten zu melden (z. B. von Ihrem Hausarzt). Als recht erfolgreich hat es sich erwiesen, das eigene Anliegen und die Motivation zu einer Therapie kurz per E-Mail zu schildern und um eine Rückmeldung zu bitten. Hier beißt sich die Katze nämlich in den Schwanz: da so viele „fehlgeleitete“ Menschen einen Therapieplatz suchen, für die Psychotherapie gar nicht das Richtige ist, weisen viele Psychotherapeuten die ganzen Suchenden ab. Wenn Sie Ihre bisherige Diagnostik und ihre Begründung für den Therapiewunsch aber benennen können wird deutlich, dass Sie gezielt an Ihrer Gesundung arbeiten wollen und wissen, worauf Sie sich einlassen.

Ein letzter Tipp

Im medizinischen Bereich der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie gibt es Ärzte, die eher auf Psychotherapie spezialisiert sind wie auch die Psychologischen Psychotherapeuten. Und es gibt die Psychosomatik-Ärzte, die s. g. Versorgungspraxen betreiben, vielleicht eine offene Sprechstunde haben und rasch die Diagnostik beginnen können. Hier haben sie auch oft die Chance in eine weitere Behandlung wie eine Psychotherapie innerhalb oder ausserhalb der Praxisgemeinschaft vermittelt werden zu können. Sie könnten in Ihrer Wohnumgebung nach „Psychosomatischer Versorgungspraxis“ oder „Psychosomatischer Sprechstunde“ googeln, um solch ein Angebot aufzuspüren. Eine andere Idee ist, bei Ihrer Krankenkasse nach einem geeigneten Arzt zu fragen.

(1) Alexander Kugelstadt: Wartezeit in der Psychotherapie. Ärztliche Psychotherapie und Psychosomatische Medizin (Vol. 7): Heft 1 2012.

Was Familien zusammenhält

Es gibt unzählige Abhandlungen, Schulen, Theorien und so etwas darüber, was der Klebstoff oder der Kitt ist, der Familien zusammenhält.

Na klar, die gemeinsame biologisch-genetische Abstammung. Aber wäre es nur das, könnte mit Einsetzen des Laufens bald jedes Menschentier seinen eigenen Weg gehen. Doch das ist meist nicht der Fall.

Gedanken darüber, welche Kräfte so ein Familiensystem also zusammenhält hat sich auch der ungarische Arzt und Psychotherapeut Iván Böszörményi-Nagy gemacht.

Ein Element unter vielen, das er in seiner Arbeit „Unsichtbare Bindungen“ (Erstausgabe 1973) beschreibt, ist die Loyalität. Diese moralische Instanz stelle „die unsichtbaren, aber starken Fasern (dar), welche die komplizierten Teilchen des Beziehungs-Verhaltens in Familien zusammenhalten“.

Loyalität als Pattex für Familien. Wie kann man sich das vorstellen?

Loyalität in Familien beschreibt Böszörményi-Nagy beruhend auf Faktoren wie Identifizierung mit den Werten der Familie, Sorge um das Weiterbestehen dieser Gemeinheitschaft oder auf der Verbundenheit mit familiären Mythen sowie z. B. Pflichtbewusstsein und Gerechtigkeit.

Jeder, der einmal ungerecht behandelt wurde, weiß, dass es zu einer unserer größten Herausforderungen gehört, damit fertig zu werden.

Gelebte Gerechtigkeit in Familien beschreibt er so: in jeder Familie existiere so etwas wie ein unsichtbares Hauptbuch, das die Verbindlichkeiten der Familienmitglieder untereinander erfasst. Die Konten der einzelnen Familienmitglieder können nun belastet werden, wenn sie Loyalitätshandlungen empfangen oder entlastet werden, wenn die Loyalitätshandlungen erbringen.

Diese Auf- und Abbuchungen passieren natürlich nur auf unbewusster Ebene, werden also nicht ausgesprochen, offen verhandelt, sondern verdeckt, wie beim Kartenspielen sozusagen. Der eigene Kontostand oder die Situation und der Wert des Hauptbuches bildet sich mehr atmosphärisch und mehr in einem Unbehagen oder guten Gefühl ab als in nackten Zahlen. Familienmitglieder spüren sozusagen wie eine magnetische Anziehung (oder auch eine Abwehr oder ein Schuldgefühl), wenn wieder Leistungen erbracht werden müssten oder werden unzufrieden (oder für die anderen ungemütlich), wenn sie einen schlechten Kontostand haben und meinen, dieser müsse bald ausgeglichen werden.

Und jetzt kommt’s: stirbt jemand aus der Familie wird das Konto keineswegs aufgelöst. Nein, generationsübergreifende Verpflichtungen werden einfach weitervererbt – als hochverschuldetes Konto oder vielleicht Vermögen an die nachkommende Generation weitergegeben. Durch die Bindung an das Hauptbuch bleiben also so Verbindungen über Generationen und den physiologischen Tod einzelner hinaus bestehen. Böszörményi-Nagy sieht uns Menschen somit „in einem weitgefächerten ethischen und existenziellen Gleichgewicht mit anderen“.

Spannend ist, dass es ja keine Börse oder keinen Markt gibt, die beziffern, welche Leistung wieviel wert ist. Hier ist es individuell sehr unterschiedlich, welche Loyalitätsleistung teuer und welche wertloser geschätzt würde. Beispielsweise für die Versorgung eines Säuglings, die ja objektiv betrachtet etwas Hochanstrengendes ist (vor allem natürlich für die Väter…), trägt sich das Elternteil oft gar nicht so eine hohe „Abbuchung“ vom persönlichen Konto ein.

Diese sehr subjektive Seite des Kontosystems mache das Konzept unübersichtlich und führe dazu, dass dann manchmal hochverschuldete Konten weitervererbt würden. Und die oder der Betroffene kann nur erahnen bzw. erspüren, dass da noch irgendwas ist…

 

(Aufgegriffen habe ich diese Konzept aus Peter Teuschel’s Buch der Ahnen-Faktor).

Literatur: Teuschel P. Der Ahnen-Faktor. Das emotionale Familienerbe als Auftrag und Chance. Schattauer, Stuttgart 2016.

Hypochondrie: das Böse im Körper?

Kürzlich haben mein Freund Jan Dreher und ich einen PsychCast zum Thema Hypochondrie – eine ernste Erkrankung aufgenommen, in dem wir über verschiedene Theorien zum Krankheitshintergrund sprachen.

Der im Jahr 2015 verstorbene, in der „Psycho-Szene“ sehr bekannte Psychiater und Psychoanalytiker Stavros Mentzos veröffentlichte in einem seiner jüngsten Werke („Lehrbuch der Psychodynamik“) einige weitere, sehr griffige Theorien dazu.

Den „hypochondrischen Modus“ z. B. beschreibt er als eine mögliche Form der Angstabwehr, die zwar wieder in Angst mündet, aber als Projektion auf einen anderen Schauplatz als den eigentlichen, nämlich den Körper. Hier kann sie nun scheinbar durch Arztbesuche oder verschiedene Untersuchen und Ausschlussdiagnostik gebändigt werden, was erfahrungsgemäß jedoch nicht gelingt. Denn die Symptomatik ist wie immer bei den Neurosen nur ein (fauler) Kompromiss.

Am besten bewährt habe sich aus Mentzos Sicht

(die Hypochondrie als) Annahme einer Projektion des Negativen, des Bösen in der Körper, also im somatischen Projektionsfeld (…). Hier wird also der Körper als ein ambivalentes Objekt empfunden, in den man den bösen eigenen Anteil projiziert.

Mein PsychCast-Mitherausgeber Jan fragt an solchen Stellen gerne, wie die Relevanz für den klinischen Alltag und die Behandlung aussehe, was ich sehr richtig finde. Bei Theorien wie diesen, die noch keinen therapeutischen Ansatz beinhalten, würde ich antworten, dass es mit ihrer Hilfe möglich wird, von der bewussten und zwischenmenschlichen Kommunikation, nämlich der wiederholten sorgenvollen Symptomschilderung einmal wegzukommen und weiter zu denken. Das vordergründig Vorgebrachte führt bei der Hypochondrie nämlich häufig zum Rückzug der hilflosen Ärzte. Führt man stattdessen behutsam ein Gespräch mit dem Fokus auf mögliche negative oder aggressive innere Anteile, die isoliert werden und sich im hypochondrischen Symptom wiederfinden, kann eine solche Wendung fruchtbare Erkenntnisse erbringen.

 

Literatur: Mentzos S. Lehrbuch der Psychodynamik. 7. Aufl., Vandenhoeck & Rupprecht, Göttingen 2015.

Das Unbewusste ist…

…wenn man am gestrigen Samstag mit einer Freundin und den Kindern einen Schneemann baut und dabei versucht, die ärgerlichen Querelen zwischen der Freundin und ihrem Chef zu besprechen. Eigentlich konzentriert man sich aber auf die Kinder und darauf, wo der klebrigste Schnee liegt. Nachdem „er“ per Handyfoto verewigt wurde, wird den Kindern noch eine abschließende Schneeballschlacht abgeleistet – so richtig mit sich auf den Boden werfen. Dieser Aktion fällt dann schließlich der Schneemann zum Opfer – aus ihm werden in einer kannibalistisch anmutenden Szene Wurfgeschosse geformt, bis sein einstiger Standort einem Schlachtfeld gleicht.

Heute ruft die Freundin an, weil es ihr wie Schuppen von Augen fällt, als sie wieder das Handy zur Hand nimmt: Der Schneemann habe exakt ausgesehen, wie ihr Chef.

Vergl. Freud: Das Unbewusste (1915)