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Wider besseres Wissen: zur Stigmatisierung psychisch Kranker

In dem von Jan Dreher und mir kürzlich aufgezeichneten Podcast (PsychCast 014) sprachen wir unter anderem über die Stigmatisierung psychisch Erkrankter. Meiner Meinung nach ein Thema, über das man gar nicht genug sprechen oder schreiben kann. Denn psychisch und psychosomatisch Kranken wird auch heute noch die Teilnahme an der Gesellschaft durch die systematische Erzeugung einer Distanz zu ihnen erschwert.

Warum?

Weil Stigmata sich hartnäckig in unserer Gesellschaft halten, obwohl die Evidenz zu vielen Krankheiten eindeutig zeigt: auch psychische Krankheiten treffen Menschen unfreiwillig. Und: auch psychische oder psychosomatische Krankheiten sind echte Krankheiten. Ihre Beschwerden und Schmerzen vermitteln sich durch die selben Transmittersysteme und Hirnareale wie Krankheiten mit körperlicher Ursache. Der Unterschied ist: in der Psychosomatischen Medizin beschäftigen wir uns mit den Funktionsstörungen von Organen oder einem gestörten emotionalen Erleben – in der somatischen Medizin mit den s. g. „organmorphologischen“ Defekten (bei denen eine Gewebeschädigung eines Organes eingetreten ist).

Beides führt zu Leidenszuständen und beides ist behandelbar. Weshalb wird mit zweierlei Maß gemessen?

Das liegt an den „Sozialen Repräsentationen“. Sie bestimmen, wie wir unsere Welt sehen und damit unser Handeln. Sie sind so etwas wie Mythen oder Glaubenssysteme – verpackt im modernen, zeitgenössischen Gewand. Diese soziale Wirklichkeit ist nicht durch wissenschaftliche Erkenntnisse festgelegt, sondern wird ständig durch Kommunikation mit der Umgebung reproduziert. Sie kommen vor allem zum Tragen, wenn präzises Fachwissen fehlt oder schwer vermittelbar ist. Unter Rückbezug auf einzelne „Wissensschnipsel“  (was man mal so gehört hat) kann man dann ein Thema einordnen, sich eine Meinung dazu bilden und darüber kommunizieren. So werden Informationen von einer Gemeinschaft verinnerlicht und wechselseitig bestätigt. Oft in Nebensätzen. Oft als Metapher. Meistens beiläufig. Nie präzise.

Über körperliche Krankheiten einerseits und psychische / psychosomatische Krankheiten andererseits bestehen sehr unterschiedliche Soziale Repräsentationen. Denn gegen die sich selbst immer wieder bestätigenden Vorurteile kommt die logisch geleitete Wissensvermittlung nur im Schneckentempo an.

Wie können wir Stigmatisierung abbauen?

Was wir tun können ist, diese unterschiedliche Wahrnehmung körperlicher und psychischer Leidenszustände immer wieder transparent zu machen. Jeder der eigene Erfahrungen mit psychischen Leiden hat, kann darüber sprechen, schreiben, singen, Theater spielen (wiederum auf die Gefahr, stigmatisiert zu werden). Auf dass die alten Mythen eines Tages überschrieben werden!