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Bekommen und Geben in der Marketing-Gesellschaft (und im Werk Erich Fromms)

In seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ (1956) setzt sich der Psychoanalytiker Erich Fromm u. a. mit der im Alltag völlig vergessenen Frage auseinander, wie sich Bekommen und Geben eigentlich zueinander verhalten.

Heutzutage, in der Marketing-Gesellschaft bzw. im Zeitalter der sogenannten „Generation vielleicht“ (Holger Salge) würde die Antwort naheliegen, dass man schon gibt – aber natürlich um dafür wiederum zu bekommen. Mit anderen Worten: man kauft sich, was man möchte und bezahlt für diese Leistung (möglichst wenig) Geld. Gemeinhin scheint dann jedoch die Erwartung angemessen, für das gezahlte Geld eine einwandfreie Leistung zu erhalten, bei der die Gegenseite keinen weiteren Gewinn als den finanziellen zu erwarten habe. Außerdem kann jede nicht makellose Lieferung jederzeit storniert, rückabgewickelt oder beanstandet werden („Generation vielleicht“ eben, vielleicht aber auch nicht).

Aber: macht uns das glücklich?

Im Onlinehandel kann das bestimmt punktuell sinnvoll sein, aber ganz generell würde Fromm sicher mit „nein“ antworten. Er schreibt: „(was Geben heißt) ist doppelsinnig und ziemlich kompliziert. Das am meisten verbreitete Missverständnis besteht in der Annahme, Geben heißt etwas ‚aufgeben‘, dessen man damit beraubt wird und das man zum Opfer bringt (…). Der Marketing-Charakter ist zwar bereit, etwas herzugeben, jedoch nur im Austausch für etwas anderes, das er empfängt; zu geben ohne zu empfangen, ist für ihn gleichbedeutend mit Betrogenwerden.“

Daher rühre laut Fromm auch der Spruch „Geben ist seliger denn Nehmen“, der besage, es sei besser Entbehrungen „zu erleiden“ als Freude zu erfahren. Dabei sieht er gerade im Geben bzw. im Schenken den höchsten Ausdruck des Vermögens: Stärke, Reichtum und Macht. Nicht weil es ein Opfer sei, sondern weil darin die eigene Lebendigkeit zum Ausdruck komme.

Und irgendwann kommt Erich Fromm weg von der Betrachtung des Materiellen, hin zur Untersuchung der Bedeutung für den zwischenmenschlichen Bereich. Eine Frage, die heute zweifellos gesellschaftlich hochinteressant ist. Er fragt: „Was gibt ein Mensch dem anderen? Er gibt etwas von sich selbst, vom Kostbarsten, was er besitzt, er gibt etwas von seinem Leben. (…) er gibt ihm etwas von seiner Freude, von seinem Interesse, von seinem Verständnis, von seinem Wissen, von seinem Humor, von seiner Traurigkeit – von allem, was in ihm lebendig ist.“

Fromm macht deutlich, dass er nicht (nur) private Beziehungen, Liebesbeziehungen meint, sondern den Alltag, überall:

Der Lehrer lernt von seinen Schülern, der Schauspieler wird von seinen Zuschauern angespornt, der Psychoanalytiker wird von seinen Patienten geheilt – vorausgesetzt, dass sie einander nicht wie leblose Gegenstände behandeln, sondern echt und schöpferisch zu einander in Beziehung treten.

Mir scheint das bedeutsam und aktuell zu sein. Erwarten wir zu viel programmiertes, berechenbares Geben von Dienstleistern, Krankenschwestern und -Pflegern, ErzieherInnen usw.? Vertun wir uns die Chance, in einen echten Kontakt miteinander zu treten und etwas Wahres voneinander zu bekommen – ganz gleich, wer gerade eine Leistung zu erwarten hat, und wer der Zahlende ist?

Beitragsfoto: Müller-May / Rainer Funk / CC-BY-SA-3.0 (DE)

Psychotherapie, Wartezeit, Verwirrungen – und welcher Weg Sie in die richtige Behandlung führt

Wartezeit und Psychotherapie: ein leidiges Thema

Das Thema Wartezeit ist in aller Munde, wenn es um Psychotherapie geht. Oftmals heisst es, dass es bis zu 3 Monate bis zu einem Ersttermin beim Psychotherapeuten dauert und bis zu 6 Monate bis zum Beginn einer Behandlung. Das klingt sicher zu lang, wenn man unter psychischen oder psychosomatischen Symptomen leidet. Zu allem Überfluss fällt es einem dann noch besonders schwer, Dutzende Praxen durchzutelefonieren und sein Anliegen auf Band bzw. auf einem Sprachchip zu hinterlassen. Doch muss es so lange dauern? Und was können Sie tun?

Einige Missverständnisse sollten zunächst ausgeräumt werden

Die zunächst nahe liegende Schlussfolgerung, es müsste einfach mehr psychotherapeutische Praxen geben, damit die Wartezeit sinkt, greift zu kurz. Das Problem ist viel mehr: viele Erkrankte, die in der Warteschleife für einen Termin beim Psychotherapeuten sind, wären gar nicht richtig aufgehoben in einer ambulanten Psychotherapie. Sie fühlen sich krank und leiden unter bestimmten psychischen oder körperlichen Symptomen und beschließen darauf, einen so genannten „Psychotherapie-Platz“ zu suchen. Das hört dann der Psychotherapeut auf seinem AB, schaut in den Kalender, sieht viele Patienten, die er bereits behandelt und ruft nicht zurück, da er einen solchen Platz nicht hat…

Also besteht hier viel weniger ein absoluter Mangel als eine Fehlsteuerung: direkt zum Psychotherapeuten zu gehen, bedeutet das Pferd von hinten aufzuzäumen. Denn Psychotherapie ist eine sehr spezielle Form der Behandlung und sollte gezielt eingesetzt werden – am Ende einer soliden Diagnostik.

Wer diese „Psychotherapeuten“ eigentlich sind

Dazu kommt eine riesige Begriffs-Verwirrung bei den Psycho-Berufen – es gibt nämlich zwei Gruppen von Psychotherapeuten (für Erwachsene):

  • Die Ärztlichen Psychotherapeuten, die Medizin studiert haben, also Arzt + Psychotherapeut sind. Sie können „Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie“, „Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie“ sein oder Facharzt einer anderen Fachrichtung wie Allgemeinmedizin oder Gynäkologie sein und die Zusatzqualifikation „Psychotherapie“ besitzen. Sie können körperliche und psychische Diagnosen stellen, Medikamente verordnen, sozialmedizinische Einschätzungen tätigen und psychotherapeutische Behandlungen durchführen sowie eine mehrschichtige Erstversorgung anbieten.
  • Die Psychologischen Psychotherapeuten. Sie haben Psychologie studiert, sind also Psychologen und keine Ärzte und haben im Anschluss an ihr Studium eine umfangreiche psychotherapeutische Ausbildung absolviert. Da sie keine Mediziner sind müssen sie Diagnosen in Zusammenarbeit mit Ärzten erstellen und können natürlich keine Medikamente verordnen oder krankschreiben. Sie sind also versierte Fach-Spezialisten in der Behandlungstechnik Psychotherapie, jedoch keine Körper- oder Psychosomatik-Experten.

Was braucht ein psychisch oder psychosomatisch Erkrankter?

Insgesamt wird viel zu früh und alternativlos nach einer Psychotherapie gesucht oder dahin verwiesen. Das stellen einer psychischen oder psychosomatischen Diagnose ist jedoch nicht spielend leicht, zumal diverse körperliche Ursachen wie z. B. Hirntumoren, Stoffwechselstörungen, Entzündungen, Süchte und neurologische Erkrankungen die Symptome von seelischen Krankheiten imitieren und damit nur vortäuschen. Hier findet sich der Auslöser aber im Körper! Das heisst, wenn Sie sich seelisch beeinträchtigt fühlen, brauchen Sie einen Arzt, der die Ursache Ihres Zustandes gründlich abklärt. Damit kann der Hausarzt beginnen und andere Körperspezialisten und z. B. den Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (Psychosomatiker) hinzuziehen, der Spezialist für die Schnittstelle von Krankheiten an der Grenze von Körper und Seele ist. Zudem ist er der am umfangreichsten ausgebildete Psychotherapeut im deutschen Gesundheitssystem ist. Übrigens: in Deutschland gibt es 66.000 Ärzte mit der Zusatzbezeichnung Psychosomatische Grundversorgung, die genau die richtigen Ansprechpartner zu einer ersten Abklärung psychischer / psychosomatischer Beschwerdebilder sind!

Heute ist viel bekannt darüber, dass psychische Erkrankungen viel Gemeinsames mit körperlichen Erkrankungen haben – und keine Leiden geringerer Wichtigkeit sind. Depressionen treten z. B. bei Diabetes mellitus viel häufiger auf, u. a. da der Stoffwechsel nicht im Gleichgewicht ist. Die Depression ist eine Krankheit des Körpers und der Seele und kein „psychologisches Problem“. Also egal ob Körper oder Psyche: ab zum Arzt!


Wie finden Sie nun den richtigen Arzt?

Suchen Sie nun einen Termin beim Psychosomatiker (oder einem anderen Arzt) sprechen sie nicht von „Therapieplatzsuche“, sondern davon, Ihren Zustand und ihre Behandlungsmöglichkeiten abklären lassen zu wollen. Die meisten Ärzte können dafür wesentlich schneller Termine anbieten, und auch Sie wollen erst einmal Klarheit über Ihre Krankheit bekommen und darüber, ob überhaupt eine ambulante Psychotherapie oder eher ein Klinikaufenthalt, eine Reha, ein Drogenentzug, eine medikamentöse Therapie oder vielleicht nur eine zeitweise Krankschreibung in Frage kommt. In den meisten Fällen kommt in erster Linie eine andere Behandlung als die klassische, wöchentliche Psychotherapie in Betracht. Bis zum Ersttermin beim Psychosomatiker dauert es im Schnitt nur 12 Tage (1).

Wenn die Psychotherapie angezeigt ist…

Steht Ihre Diagnose längst und ist eine Psychotherapie geplant, kann es hilfreich sein, sich auf Empfehlung von jemandem bei einem Ärztlichen oder Psychologischen Psychotherapeuten zu melden (z. B. von Ihrem Hausarzt). Als recht erfolgreich hat es sich erwiesen, das eigene Anliegen und die Motivation zu einer Therapie kurz per E-Mail zu schildern und um eine Rückmeldung zu bitten. Hier beißt sich die Katze nämlich in den Schwanz: da so viele „fehlgeleitete“ Menschen einen Therapieplatz suchen, für die Psychotherapie gar nicht das Richtige ist, weisen viele Psychotherapeuten die ganzen Suchenden ab. Wenn Sie Ihre bisherige Diagnostik und ihre Begründung für den Therapiewunsch aber benennen können wird deutlich, dass Sie gezielt an Ihrer Gesundung arbeiten wollen und wissen, worauf Sie sich einlassen.

Ein letzter Tipp

Im medizinischen Bereich der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie gibt es Ärzte, die eher auf Psychotherapie spezialisiert sind wie auch die Psychologischen Psychotherapeuten. Und es gibt die Psychosomatik-Ärzte, die s. g. Versorgungspraxen betreiben, vielleicht eine offene Sprechstunde haben und rasch die Diagnostik beginnen können. Hier haben sie auch oft die Chance in eine weitere Behandlung wie eine Psychotherapie innerhalb oder ausserhalb der Praxisgemeinschaft vermittelt werden zu können. Sie könnten in Ihrer Wohnumgebung nach „Psychosomatischer Versorgungspraxis“ oder „Psychosomatischer Sprechstunde“ googeln, um solch ein Angebot aufzuspüren. Eine andere Idee ist, bei Ihrer Krankenkasse nach einem geeigneten Arzt zu fragen.

(1) Alexander Kugelstadt: Wartezeit in der Psychotherapie. Ärztliche Psychotherapie und Psychosomatische Medizin (Vol. 7): Heft 1 2012.

Was Familien zusammenhält

Es gibt unzählige Abhandlungen, Schulen, Theorien und so etwas darüber, was der Klebstoff oder der Kitt ist, der Familien zusammenhält.

Na klar, die gemeinsame biologisch-genetische Abstammung. Aber wäre es nur das, könnte mit Einsetzen des Laufens bald jedes Menschentier seinen eigenen Weg gehen. Doch das ist meist nicht der Fall.

Gedanken darüber, welche Kräfte so ein Familiensystem also zusammenhält hat sich auch der ungarische Arzt und Psychotherapeut Iván Böszörményi-Nagy gemacht.

Ein Element unter vielen, das er in seiner Arbeit „Unsichtbare Bindungen“ (Erstausgabe 1973) beschreibt, ist die Loyalität. Diese moralische Instanz stelle „die unsichtbaren, aber starken Fasern (dar), welche die komplizierten Teilchen des Beziehungs-Verhaltens in Familien zusammenhalten“.

Loyalität als Pattex für Familien. Wie kann man sich das vorstellen?

Loyalität in Familien beschreibt Böszörményi-Nagy beruhend auf Faktoren wie Identifizierung mit den Werten der Familie, Sorge um das Weiterbestehen dieser Gemeinheitschaft oder auf der Verbundenheit mit familiären Mythen sowie z. B. Pflichtbewusstsein und Gerechtigkeit.

Jeder, der einmal ungerecht behandelt wurde, weiß, dass es zu einer unserer größten Herausforderungen gehört, damit fertig zu werden.

Gelebte Gerechtigkeit in Familien beschreibt er so: in jeder Familie existiere so etwas wie ein unsichtbares Hauptbuch, das die Verbindlichkeiten der Familienmitglieder untereinander erfasst. Die Konten der einzelnen Familienmitglieder können nun belastet werden, wenn sie Loyalitätshandlungen empfangen oder entlastet werden, wenn die Loyalitätshandlungen erbringen.

Diese Auf- und Abbuchungen passieren natürlich nur auf unbewusster Ebene, werden also nicht ausgesprochen, offen verhandelt, sondern verdeckt, wie beim Kartenspielen sozusagen. Der eigene Kontostand oder die Situation und der Wert des Hauptbuches bildet sich mehr atmosphärisch und mehr in einem Unbehagen oder guten Gefühl ab als in nackten Zahlen. Familienmitglieder spüren sozusagen wie eine magnetische Anziehung (oder auch eine Abwehr oder ein Schuldgefühl), wenn wieder Leistungen erbracht werden müssten oder werden unzufrieden (oder für die anderen ungemütlich), wenn sie einen schlechten Kontostand haben und meinen, dieser müsse bald ausgeglichen werden.

Und jetzt kommt’s: stirbt jemand aus der Familie wird das Konto keineswegs aufgelöst. Nein, generationsübergreifende Verpflichtungen werden einfach weitervererbt – als hochverschuldetes Konto oder vielleicht Vermögen an die nachkommende Generation weitergegeben. Durch die Bindung an das Hauptbuch bleiben also so Verbindungen über Generationen und den physiologischen Tod einzelner hinaus bestehen. Böszörményi-Nagy sieht uns Menschen somit „in einem weitgefächerten ethischen und existenziellen Gleichgewicht mit anderen“.

Spannend ist, dass es ja keine Börse oder keinen Markt gibt, die beziffern, welche Leistung wieviel wert ist. Hier ist es individuell sehr unterschiedlich, welche Loyalitätsleistung teuer und welche wertloser geschätzt würde. Beispielsweise für die Versorgung eines Säuglings, die ja objektiv betrachtet etwas Hochanstrengendes ist (vor allem natürlich für die Väter…), trägt sich das Elternteil oft gar nicht so eine hohe „Abbuchung“ vom persönlichen Konto ein.

Diese sehr subjektive Seite des Kontosystems mache das Konzept unübersichtlich und führe dazu, dass dann manchmal hochverschuldete Konten weitervererbt würden. Und die oder der Betroffene kann nur erahnen bzw. erspüren, dass da noch irgendwas ist…

 

(Aufgegriffen habe ich diese Konzept aus Peter Teuschel’s Buch der Ahnen-Faktor).

Literatur: Teuschel P. Der Ahnen-Faktor. Das emotionale Familienerbe als Auftrag und Chance. Schattauer, Stuttgart 2016.

Hypochondrie: das Böse im Körper?

Kürzlich haben mein Freund Jan Dreher und ich einen PsychCast zum Thema Hypochondrie – eine ernste Erkrankung aufgenommen, in dem wir über verschiedene Theorien zum Krankheitshintergrund sprachen.

Der im Jahr 2015 verstorbene, in der „Psycho-Szene“ sehr bekannte Psychiater und Psychoanalytiker Stavros Mentzos veröffentlichte in einem seiner jüngsten Werke („Lehrbuch der Psychodynamik“) einige weitere, sehr griffige Theorien dazu.

Den „hypochondrischen Modus“ z. B. beschreibt er als eine mögliche Form der Angstabwehr, die zwar wieder in Angst mündet, aber als Projektion auf einen anderen Schauplatz als den eigentlichen, nämlich den Körper. Hier kann sie nun scheinbar durch Arztbesuche oder verschiedene Untersuchen und Ausschlussdiagnostik gebändigt werden, was erfahrungsgemäß jedoch nicht gelingt. Denn die Symptomatik ist wie immer bei den Neurosen nur ein (fauler) Kompromiss.

Am besten bewährt habe sich aus Mentzos Sicht

(die Hypochondrie als) Annahme einer Projektion des Negativen, des Bösen in der Körper, also im somatischen Projektionsfeld (…). Hier wird also der Körper als ein ambivalentes Objekt empfunden, in den man den bösen eigenen Anteil projiziert.

Mein PsychCast-Mitherausgeber Jan fragt an solchen Stellen gerne, wie die Relevanz für den klinischen Alltag und die Behandlung aussehe, was ich sehr richtig finde. Bei Theorien wie diesen, die noch keinen therapeutischen Ansatz beinhalten, würde ich antworten, dass es mit ihrer Hilfe möglich wird, von der bewussten und zwischenmenschlichen Kommunikation, nämlich der wiederholten sorgenvollen Symptomschilderung einmal wegzukommen und weiter zu denken. Das vordergründig Vorgebrachte führt bei der Hypochondrie nämlich häufig zum Rückzug der hilflosen Ärzte. Führt man stattdessen behutsam ein Gespräch mit dem Fokus auf mögliche negative oder aggressive innere Anteile, die isoliert werden und sich im hypochondrischen Symptom wiederfinden, kann eine solche Wendung fruchtbare Erkenntnisse erbringen.

 

Literatur: Mentzos S. Lehrbuch der Psychodynamik. 7. Aufl., Vandenhoeck & Rupprecht, Göttingen 2015.

Das Unbewusste ist…

…wenn man am gestrigen Samstag mit einer Freundin und den Kindern einen Schneemann baut und dabei versucht, die ärgerlichen Querelen zwischen der Freundin und ihrem Chef zu besprechen. Eigentlich konzentriert man sich aber auf die Kinder und darauf, wo der klebrigste Schnee liegt. Nachdem „er“ per Handyfoto verewigt wurde, wird den Kindern noch eine abschließende Schneeballschlacht abgeleistet – so richtig mit sich auf den Boden werfen. Dieser Aktion fällt dann schließlich der Schneemann zum Opfer – aus ihm werden in einer kannibalistisch anmutenden Szene Wurfgeschosse geformt, bis sein einstiger Standort einem Schlachtfeld gleicht.

Heute ruft die Freundin an, weil es ihr wie Schuppen von Augen fällt, als sie wieder das Handy zur Hand nimmt: Der Schneemann habe exakt ausgesehen, wie ihr Chef.

Vergl. Freud: Das Unbewusste (1915)

Ein erzählendes Fachbuch: „Der Ahnen-Faktor“ von Peter Teuschel

Im Buch „Der Ahnen-Faktor: das emotionale Familienerbe als Auftrag und Chance“ von Dr. Peter Teuschel sehe ich eine ganz neue Gattung von Fachbüchern. Ich würde es, als so etwas wie ein erzählendes Fachbuch bezeichnen – wir kennen eine ähnliche Einordnung im Sachbuch-Bereich. Es wird Fachwissen vermittelt, aber nicht auf dem klassischem Wege des schriftlichen „Referierens“. Vielmehr wird der Leser von Teuschel, der in München als Psychiater und Psychotherapeut niedergelassenen ist, mitgenommen auf die eigene Recherche nach dem ominösen „Ahnen-Faktor“ unserer Kultur und Zeit. Der Autor glaubt, das beschreibt er, dass die Kraft und das Potential des Ahnen-Faktors heutzutage zu gering eingeschätzt würden – in unserem alltäglichen Bewusstsein und erst recht im Bereich psychotherapeutischer Behandlungen.

Das Leben unserer Ahnen hat einen großen Einfluss auf unser eigenes Leben. Das wissen wir heute, trotzdem ist bis zum heutigen Tag die Beschäftigung mit unseren Vorfahren eher stiefmütterlich.

– Peter Teuschel –

Das besondere und ansprechende auf der Reise des Autors ist, dass er keine Scheuklappen auf hat, sondern ganz unvoreingenommen schaut, wohin die Bewusstheit und Verbindung zu unseren Vorfahren abgedrängt sein könnte. Anstatt es gleich abzutun beschreibt er, was er findet im Bereich der Mystik und Esoterik: er sieht sich um in den Sphären des Tarots, der Astrologie, des Schamanismus. Er schaut sich antike Kulturen und Naturvölker an und nimmt zwei unbekannte, aber hochspannende psychoanalytische Konzepte in Anspruch, nachdem er Klassiker wie Freud und Jung zu Rate gezogen hat. Einen wichtigen Bereich nimmt dann die gut verständliche Schilderung über biologische Mechanismen, wie die sich im Aufwind befindliche Epigenetik ein.

Schließlich gelingt es Peter Teuschel dann auch noch die Brücke zu schlagen zu diversen Fallbeispielen aus seiner Praxis sowie zu praktischen Hinweisen für klinisch tätige Psychotherapeuten, aber auch für jedermann, der sich seinen Ahnen nähern möchte und nicht in der Profession unterwegs ist. Es wird genau beschrieben, über welche Lebensbereiche sich der Ahnen-Faktor (gewinnbringend oder hemmend) in den Alltag einbringt: z. B. Familiengeheimnisse, Tabus, Erwartungen, Erfolg, Stolz, gutes Gelingen…

Insgesamt ein Fachbuch, das man lesen kann wie eine Erzählung, wie ein Abenteuer, und bei dem man zudem noch eine Menge mitnimmt: Ich habe schon während des Lesens bemerkt, wie die Neugier auf mögliche Ahnen-Aspekte meiner eigenen Patienten wuchs – und natürlich auf meine eigenen Vorfahren. Das Buch ist eine Anstiftung einmal weiter zu denken in Richtung Ahnen und demütig auf die kurze Zeit zu blicken, die wir nun tatsächlich physisch auf dieser Erde sind. Diese Tendenz in der Psychotherapie bleibt nicht unbegründet: Nachdem eine Menge über die transgenerationale Weitergabe von traumatischen Erfahrungen bekannt ist, machte jüngst die Epigenetik für die biologische Seite klar, dass sich durch unseren „Lebensstil“ und unsere Erfahrungen Gene verändern und dann erst weitergegeben werden.

Eine Art von Buch, das es öfter geben sollte.

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Rätselhafte Tranquilizer: über psychosomatische Populär-Literatur vor 45 Jahren

Jürg Wunderli: Rätsel Mensch und moderne Psychosomatik. ABC Verlag Zürich (1970)

Jürg Wunderli: Rätsel Mensch und moderne Psychosomatik. ABC Verlag Zürich (1970)

Da ich mich für die Entwicklung des öffentlichen Verständnisses für Psychosomatik interessiere nehme ich manchmal alte populärwissenschaftliche Literatur darüber zur Hand. Insbesondere ältere Bücher, davon gibt es auch viel mehr als neuere (esoterische Werke einmal ausgenommen).

Aktuell fiel mir „Rätsel Mensch und moderne Psychosomatik“ vom Schweizer Arzt Jürg Wunderli aus dem Jahre 1970 in die Hände. Das Buch verspricht im Klappentext in allgemeinverständlicher Form die Leib-Seele-Beziehungen zu erklären. Und es kündigt an, nicht die „Tiefenpsychologie“ zu strapazieren, was allzu oft der Fall wäre. Es wolle sich auf einfache Dinge wie Mimik, die Seele als Hirnfunktionen und Nahtstellen zwischen Seele und Körper konzentrieren.

So bestätigt sich dann beim Blättern und Querlesen: das Buch beschäftigt sich mit dem, was man heute als Psychophysiologie bezeichnen würde. Es grast Themen wie Lügendetektor, körperliche Konstitutionstypen, das EEG, Nervenzellen, „das Gehirn als Computer“, klassiche Konditionierung und noch einiges mehr von Dingen ab, die damals großes Psychotainment gewesen sein müssen. Natürlich kann und soll man meiner Meinung nach nicht ein 45 Jahre altes Buch rezensieren, sondern den Inhalt eher historisch verstehen. Obgleich dieses eine Werk natürlich nur ein Puzzleteil ist. Besonders interessant erschien mit das Kapitel „Medikamente, welche das Gefühlsleben manipulieren: die Tranquilizer“. Vor allem sprachlich:

Probleme und Konflikte gehören zum Leben wie Essen und Trinken. Das ist heute so; es war immer so und wird immer so sein. Und dennoch hat sich diesbezüglich heute einiges gegenüber früheren Zeiten geändert: Wer noch vor 100, ja vor 30 Jahren seine Sorgen hatte, dem blieb nichts anderes übrig, als sie auszutragen, mit ihnen fertig zu werden, die Konflikte zu bewältigen und nach Lösungen zu suchen. Heute besteht diese Möglichkeit natürlich auch noch. Aber die unangenehme Situation kann auch anderswie gelöst werden: indem nämlich Herr Meier oder Frau Müller Pillen schlucken, welche den gehörigen Abstand zu den Alltagsproblemen heranzaubern.

Dann folgt eine Beschreibung, wie viele hunderte Millionen Dollar Pharmaunternehmen mit den Tranquilizern umsetzen und wie häufig und leichtfüßig sie von den Ärzten verordnet werden. Dann die Frage:

Aber wie wirken denn eigentlich diese Sorgenbrecher?

Es folgt eine Erklärung zum limbischen System als „primitive Gefühlszentrale“, das durch die Medikamente gehemmt werde. Zur medizinischen Anwendung:

Zweifellos gibt es für den Arzt wichtige Gründe, seinen Patienten Tranquilizer zu verschreiben, besonders bei angstbetonten Neurotikern oder funktionellen Störungen ohne Organschaden (…). Was aber für den psychisch kranken oder leidenden Menschen richtig sein kann, ist nicht richtig für den Durchschnittsmenschen, ist nicht richtig für den psychisch völlig normalen Herrn Meier bzw. Frau Müller, welche ihre Probleme und Konflikte haben und durch die Pillen mehr Abstand dazu gewinnen möchten. Man stelle sich einmal Beethoven oder einen Goethe vor als eifrige Tranquilizer-Schlucker!

Weiter beschreibt Wunderli, diese Tabletten seien nur ein Teil einer „immer mehr angeschwollenen Gruppe von Medikamenten, welche das Seelische beeinflussen“.

Was ist aus heutiger Sicht zu den Ausführungen zu sagen? Was „weiß man heute besser“?

Erstens ist die Suchtentwicklung als größte Nebenwirkung der Tranquilizer wie Tavor oder Valium noch nicht erwähnt. Sie beginnt sehr schnell, im Schnitt nach einer 10-14 Tage andauernden Behandlung. Das ist heute bekannt und schränkt die Verwendung von Tranquilizern erheblich ein.

Zweitens wird 1970 eine Indikation insbesondere bei „Neurotikern“ gesehen, also bei Menschen die an inneren Konflikten psychisch oder psychosomatisch erkranken. Heute wissen wir, dass dieser Kern der Erkrankung praktisch nie mir Beruhigungsmittel gelöst werden kann, sondern nur die Symptome zwischenzeitlich verbessern, die Auflösung des eigentlich in der Seele bestehenden Problems dadurch aber deutlich schwieriger wird (denn die Tablette als Pseudolösung wirkt natürlich zunächst einmal recht überzeugend). Der Einsatzbereich der Gruppe von Beruhigungsmitteln ist heutzutage eher der akute Erregungs- oder Angstzustand als Notfall, akute suizidale Krisen, Krampfanfälle und die Angstlösung vor operativen Eingriffen.

Drittens ist die Sprache vor 45 Jahren ganz schön stigmatisierend gewesen: es wird locker mal aus dem Handgelenk zwischen „völlig normal“ und „krank“ unterschieden. Also der völlig normale Herr Müller und die normale Frau Meier – die sind doch ganz normal, psychisch Kranke: das müssen ja andere sein. Dann Goethe und Beethoven, große Künstler, die natürlich nie zu Beruhigungsmitteln gegriffen hätten (heute wissen wir, dass Abhängigkeit auch und gerade vor großen Persönlichkeiten nicht halt macht) …und wenn doch, wären sie ganz einfache „Tranquilizer-Schlucker“ gewesen wären.

Das Schönste kommt zum Schluss. Das Kapitel über Beruhigungsmittel von 1970 endet mit zwei Fotos vom „Aggressiven Makakusaffen vor und nach Verabreichung eines Tranquilizers“. Hier konnte der Leser 1970 Augenzeuge werden, wie aus einem monströsen Biest ein Knuddeläffchen wird (das auf dem zweiten Foto sogar gestreichelt werden kann). Die Fotos wurden dem Autor Wunderli übrigens freundlich bereitgestellt von „Hoffmann – La Roche Basel“. Auf Anfrage bei Roche wollte man die Foto-Freigabe auch gegenüber dem Psychosomatikum-Blog (Version late 2015) gerne wiederholen.

Der Makakusaffe von 1970. Mit freundlicher Genehmigung von La Roche.

Der Makakusaffe von 1970. Mit freundlicher Genehmigung von La Roche.

Die Depressionen der Ärzte in Weiterbildung

Wie das Deutsche Ärzteblatt am 9. Dezember 2015 mitgeteilt hat haben sich depressive Symptome und manifeste Depressionen während der klinischen Weiterbildungszeit junger Ärzte weiter ausgebreitet. Es wurden im Rahmen einer Metaanalyse aus Boston, die 54 bestehende Studien zu der Problematik untersucht hat, Informationen zur seelischen Gesundheit von 17.560 Ärzten verarbeitet. Es wurden Daten aus Europa, Amerika, Asien und Afrika ausgewertet.

Die Prävalenz depressiver Störungen unter den Ärzten lag bei 29%. Deutlich wurde, dass die Anforderungen der ersten Berufsjahre für viele Beschwerden verantwortlich sind, da hier die Prävalenz um 15,8% höher lag. In den letzten Jahren hat die Häufigkeit um fast 1% pro Jahr zugenommen – die Situation scheint sich also zu verschärfen.

Verglichen mit der Allgemeinbevölkerung ist die Inanspruchnahme psychiatrischer oder psychosomatischer Hilfe gering, was an Zeitmangel und Verleugnung liegen mag.

Ich bleibe dabei, dass es gesundheitserhaltend ist, sich rechtzeitig mit der eigenen Zeit als Arzt in Weiterbildung zu beschäftigen. Mein Buch Berufseinstieg Arzt, das 2014 bei Schattauer erschienen ist, beschäftigt sich genau mit diesen schwierigen Themen: eigene Ziele im Blick zu behalten, Überarbeitung und nicht-handelbare Belastungen vorzubeugen, persönliche Interessen in der Klinik durchzusetzen und eine Balance zwischen Arbeit und Privatleben zu finden.

Ein Interview mit mir zu dem Thema finden Sie beim Schattauer Verlag.

Psychosomatik und die subjektive Sicht auf die Welt

Viele Menschen fragen sich, was eigentlich der Kern eines psychosomatischen Ansatzes in der Medizin ist. Eine psychische Ursache für körperliche Beschwerden zu suchen? Dem Körper weniger Beachtung zu schenken – und dafür der Seele mehr?

Nein, so einfach ist es nicht. Versuchen wir einmal die Systematik der klassischen Krankheit im biologischen Sinne mit dem Herangehen der psychosomatischen Denkweise zu vergleichen.

Medizin: Im Mittelpunkt steht ein Organ, das krank ist. Diese Krankheit kann durch bestimmte Methoden wie Blutuntersuchung oder Röntgenuntersuchungen festgestellt und durch eine OP, Medikation oder physikalische Maßnahmen behoben werden. Das alles findet auf wissenschaftlicher Basis statt, das heisst, das Vorgehen ist rational geleitet. Der wissenschaftlich fundierte Arzt führt etwas am Patienten (als ein Objekt der Untersuchung und Behandlung) durch, was an den meisten anderen Menschen mit der gleichen Krankheit wiederholbar ist.

Psychosomatische Medizin: Der Körper mit seinen Organen ist nur ein Teilaspekt des menschlichen Subjektes. Diese körperlich-objektive Seite wird genauso ernst genommen wie in der klassischen Medizin. Die Psychosomatik führt aber zusätzlich zur objektiven Seite des Körpers und seiner Organe die subjektive Sicht auf sich und die Welt in die Medizin ein. Das Subjekt denkt selber, bildet Meinungen, hat bestimmte Absichten und bewertet alles, was geschieht. Es hat Emotionen, die auf biografischen Erfahrungen beruhen. So entsteht ein ganzes Weltbild und eine Ausrichtung auf die Welt (die s. g. Intentionalität).

Psychosomatische Medizin ist also klassische Medizin plus eine Ergänzung um die subjektive Sicht auf sich und die Welt.

Warum ist diese Ergänzung um das Subjekt nötig oder sinnvoll?

Nehmen wir einmal an, jemand bekommt starke Bauchschmerzen. In dieser Situation ist es gar nicht zu vermeiden, dass sie oder er sich eine subjektive Meinung zu den Ursachen und Konsequenzen dieser Schmerzen bildet: „Ich glaube, ich muss sofort ins Krankenhaus“ oder aber „Was von alleine kommt, geht auch von alleine – ich warte mal ab“. Jeder Mensch hat eine subjektive Sicht auf seine Krankheit, die sein Handeln und den Umgang mit sich sehr beeinflusst. Früher dachte man, Ärzte müssten Patienten ein wenig zum richtigen, gesunden Verhalten erziehen. Heute weiß man, dass jeder seine eigenen, für ihn geeignete Bewältigung mit einer Erkrankung finden muss, um sie überwinden zu können. Daran hängt das subjektive Wohlbefinden, die Lebensqualität und die Überlebensquote.

Gelingt es z. B. nicht, einen Herzinfarkt seelisch zu verarbeiten, kann zusätzlich eine Depression entstehen. Erweisen ist, dass die Kombination aus Herzinfarkt und Depression die Sterblichkeit erhöht. Das macht die große Wichtigkeit des persönlichen, subjektiven Umgangs mit einer Erkrankung deutlich, wobei Ärzte unbedingt helfen sollen und das in allen Bereichen der Medizin auch tun. In den letzten Jahren zunehmend, da das Wissen um die psychosomatischen Zusammenhänge sich mehr durchsetzt.

Das medizinische Fachgebiet „Psychosomatische Medizin und Psychotherapie“ hat sich aufgrund der hohen Spezialisierung der Medizin u. a. den Schwerpunkt auf das Subjekt und seine Bedeutung für Krankheit und Gesundheit gelegt und arbeitet eng mit den vielen anderen Fachgebieten zusammen.

Literatur: Gerd Rudolf, Peter Henningsen. Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik: Kapitel 1.1 Psychosomatische Perspektiven. 7. Aufl., Thieme Verlag: Stuttgart 2013.

Wider besseres Wissen: zur Stigmatisierung psychisch Kranker

In dem von Jan Dreher und mir kürzlich aufgezeichneten Podcast (PsychCast 014) sprachen wir unter anderem über die Stigmatisierung psychisch Erkrankter. Meiner Meinung nach ein Thema, über das man gar nicht genug sprechen oder schreiben kann. Denn psychisch und psychosomatisch Kranken wird auch heute noch die Teilnahme an der Gesellschaft durch die systematische Erzeugung einer Distanz zu ihnen erschwert.

Warum?

Weil Stigmata sich hartnäckig in unserer Gesellschaft halten, obwohl die Evidenz zu vielen Krankheiten eindeutig zeigt: auch psychische Krankheiten treffen Menschen unfreiwillig. Und: auch psychische oder psychosomatische Krankheiten sind echte Krankheiten. Ihre Beschwerden und Schmerzen vermitteln sich durch die selben Transmittersysteme und Hirnareale wie Krankheiten mit körperlicher Ursache. Der Unterschied ist: in der Psychosomatischen Medizin beschäftigen wir uns mit den Funktionsstörungen von Organen oder einem gestörten emotionalen Erleben – in der somatischen Medizin mit den s. g. „organmorphologischen“ Defekten (bei denen eine Gewebeschädigung eines Organes eingetreten ist).

Beides führt zu Leidenszuständen und beides ist behandelbar. Weshalb wird mit zweierlei Maß gemessen?

Das liegt an den „Sozialen Repräsentationen“. Sie bestimmen, wie wir unsere Welt sehen und damit unser Handeln. Sie sind so etwas wie Mythen oder Glaubenssysteme – verpackt im modernen, zeitgenössischen Gewand. Diese soziale Wirklichkeit ist nicht durch wissenschaftliche Erkenntnisse festgelegt, sondern wird ständig durch Kommunikation mit der Umgebung reproduziert. Sie kommen vor allem zum Tragen, wenn präzises Fachwissen fehlt oder schwer vermittelbar ist. Unter Rückbezug auf einzelne „Wissensschnipsel“  (was man mal so gehört hat) kann man dann ein Thema einordnen, sich eine Meinung dazu bilden und darüber kommunizieren. So werden Informationen von einer Gemeinschaft verinnerlicht und wechselseitig bestätigt. Oft in Nebensätzen. Oft als Metapher. Meistens beiläufig. Nie präzise.

Über körperliche Krankheiten einerseits und psychische / psychosomatische Krankheiten andererseits bestehen sehr unterschiedliche Soziale Repräsentationen. Denn gegen die sich selbst immer wieder bestätigenden Vorurteile kommt die logisch geleitete Wissensvermittlung nur im Schneckentempo an.

Wie können wir Stigmatisierung abbauen?

Was wir tun können ist, diese unterschiedliche Wahrnehmung körperlicher und psychischer Leidenszustände immer wieder transparent zu machen. Jeder der eigene Erfahrungen mit psychischen Leiden hat, kann darüber sprechen, schreiben, singen, Theater spielen (wiederum auf die Gefahr, stigmatisiert zu werden). Auf dass die alten Mythen eines Tages überschrieben werden!