Posts in "Psychosomatikum Blog"

Depression – ein körperliche Erkrankung?

Am 31. März 2017 ist die Depression laut World Health Organisation (WHO) weltweit der führende Grund für Arbeitsunfähigkeit. Die Depression ist eine systemische Erkrankung, die auf körperlicher, sozialer und psychischer Ebene die Lebensführung der Betroffenen stark beeinträchtigt.

Viele glauben, die Depression sei eine psychologische Problematik, die zwischen den Ohren besteht, aber im Menschen davon eigentlich nichts zu finden ist. Es gibt auch fortwährend Versuche verschiedener Interessenträger, depressive Erkrankungen als ein rein psychologisches Problem zu stigmatisieren. Die psychischen Erkrankungen sollen langfristig innerhalb des etablierten medizinischen Versorgungsnetzwerkes marginalisiert werden und billiger durch andere Versorgungsstrukturen als durch Ärzte „therapiert“ werden.

Warum dies für betroffene Patienten so fatal wäre, wird verständlich, wenn Sie Folgendes über die Depression wissen:

Das Wort der Stunde in der psychoneuroimmunologischen Forschung ist „Allostatic Load“, das Konzept der Allostase. Es beschreibt, dass das Gehirn das größte Stressorgan ist, das wir haben und das entsprechend verschiedener Bedarfslagen des Menschen untergeordnete Systeme „steuert“. Bei Vorliegen einer Depression ist dieser Mechsnismus aus dem Gleichgewicht gekommen und signalisiert dem Organismus eine anhaltende Stressreaktion, die eine Veränderung zentralnervöser Strukturen nach sich zieht, z. B. am Hippocampus (einer Hirnregion, die unter anderem für die Gedächtnisbildung wichtig ist). Nachgewiesene Auslöser einer so genannten allostatischen Last wurde vor allem im Rahmen von sozialen Stressoren wie Ausgrenzung, Herabwürdigung und Beschämung nachgewiesen.

Die „anhaltende Stressreaktion“ durch einen depressiven Affekt führt in der weiteren Folge zu folgenden körperlichen Veränderungen: reduzierte serotonerge Neurotransmission, erhöhte Aktivität von Corticotropin-Releasing-Faktor (CRF), Störungen im Norepinephrin-Kreislauf, Minderaktivität im Dopamin-System, Aktivierung des Immunsystems, Hyperaktivität in der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse, Abweichungen in der Plättchenaktivierung, reduzierte Variabilität in der Herzfrequenz und noch mehr… Bitte sehen Sie mir die Sammlung an Fachwörtern nach – ich möchte damit zeigen: es passiert dabei eine ganze Menge im Körper!

Die Symptome der Depression sind übrigens denen sehr ähnlich, die durch ein überaktiviertes Immunsystem entstehen (auch Cytokine-induced Sickness behavior genannt): Krankheitsgefühl, Lustlosigkeit, erhöhtes Schlafbedürfnis, Appetitmangel, sozialer Rückzug, Konzentrationsmangel, erhöhte Schmerzsensibilität, Schwäche,…

Die Auswirkungen der Depression sind genauso körperlich wie die Folgen der Erkrankungen, die wir direkt als „körperlich“ oder „somatisch“ bezeichnen.

Durch diese Mechanismen ist die Depression z. B. auch ein unabhängiger Risikofaktor für die koronare Herzkrankheit (Verkalkung der Herzkranzarterien) – und zwar genauso so ausgeprägt wie das Tabakrauchen. Also die mögliche Folge einer „verschleppten“ Depression ist ein erhöhtes Risiko für Arterienverkalkung.

Um die medizinische Herausforderung einer Depression nochmals deutlich zu machen:

  • Ein Herzinfarkt in der Vorgeschichte UND eine Depression erhöht das Risiko eines neuen Infarktes binnen 6 Monaten um das 3fache!
  • Anders als beim Bluthochdruck, Diabetes, Asthma etc. kehrt bei der Depression keine Normalisierung des Funktionsniveaus bei Symptombesserung ein.
  • Die Beseitigung der Symptome ist nicht der Endpunkt einer Depressionsbehandlung!
  • Es muss wieder ein guter Funktionsniveau mit Aktivitäten etc. bestehen, um die Behandlung beenden zu können.

Die Depression ist keine psychische Erkrankung in ihrer alten, abstrakten, oft als „eingebildet“ verstandenen, herabsetzenden, flüchtigen Form, sondern eine medizinisch hochkomplexe Erkrankung des Gehirns und des Körpers mit mehreren lebensbedrohlichen Folgen. Da das Gehirn, genauer die psychischen Prozesse rund um die Beziehung zu anderen Menschen der zentrale Fokus ist, stellt die Therapie durch ärztliche Psychotherapeuten sowie psychologische Psychotherapeuten den Hauptansatzpunkt dar.

Sollte die Behandlung gerade dieser komplexen Erkrankung wirklich dequalifiziert werden und aus der medizinischen Versorgung ausgegliedert werden?

Natürlich nicht! Die Erde ist keine Scheibe und die Depression ist kein psychologisches „Hat-man-mal“. Schließlich verstehen wir durch die Forschung der Psychoneuroimmunologie immer besser, dass Erkrankungen wie die Depression sich nicht nur auf psychischer oder körperlicher Ebene verstehen und behandeln lassen. Psychosomatische Konzepte sind hier unerlässlich.

Ärzte aller Fachgebiete, vor allem Hausärzte und natürlich alle Medizinstudenten sollte die Depression in einer Reihe mit Asthma, Bluthochdruck, Diabetes und Herzklappenfehlern kennenlernen und abspeichern. Eine schnelle Erkennung und Behandlung in allen ärztlichen Gebieten sollte das Ziel sein – und gesundheitspolitisch gefördert werden.

Und Sie sollten wissen: Falls Sie oder einer Ihrer Liebsten mal von solch einer Erkrankung betroffen ist, sollte man mit dem Hausarzt sprechen und / oder Fachärzte aufsuchen und nicht dem Irrtum erliegen, dass das nur ein kleiner Schnupfen der Seele sei. Eine depressiv erkrankter Mensch gehört in professionelle Hände wie ein körperlich Erkrankter auch – in die des Arztes und Psychotherapeuten!

 

Quelle: James Strain, MD, auf einem Vortrag im NYPSI.org am 04. Oktober 2017

Titelbild: By BruceBlaus. Blausen.com staff (2014). „Medical gallery of Blausen Medical 2014„. WikiJournal of Medicine 1 (2). DOI:10.15347/wjm/2014.010. ISSN 2002-4436. – Own work, CC BY 3.0, Link

Auch erschienen auf DEIKS.de

Lacast, der Lacan-Podcast: darauf haben Psychoanalyse-Fans gewartet, ohne es zu wissen

Podcasts statt Therapiesitzung

Manchmal ist kein Patient in meinem Behandlungszimmer und ich bin alleine. Wenn ich Zettel sortiere, die Abrechnung mache, E-Mails schreibe oder Blumen gieße. Dabei höre ich sehr gerne nichts, manchmal aber auch Podcasts. Soweit nichts Ungewöhnliches.

Heute stolperte ich, das war denke ich bei Facebook, über den Podcast „Lacast – der Lacan-Podcast„. Mir war schnell klar, dass es dabei um Jaques Lacan, den wirklich inspirierenden französischen Arzt und Psychoanalytiker (1901-1981), gehen würde, der – sagen wir mal – Sigmund Freud in der ein oder anderen Sache neu interpretierte. Ich drückte Play und schielte nebenbei schonmal ins Impressum. Da fiel mir der Taschenrechner aus der einen und die Gießkanne aus der anderen Hand: die bildundtonfabrik als Aufnahmeort und der Name Florentin Will schossen mir ins Auge, der mir aus dem Ensemble des Neo Magazin Royal bekannt ist.

Würde jetzt meine private humoristische Präferenz mit meinem professionellen Interesse für Psychoanalyse verschmelzen?

Ich begann die erste Folge zu hören, leitete das Telefon auf’s Sekretariat um und war wirklich hochgespannt. Der Erziehungswissenschaftler und Lacan-Kenner Rolf Nemitz vom Blog Lacan-entziffern und Florentin Will ergänzen sich ganz wunderbar. Im Mittelpunkt steht der anwesende, abwesende Dritte: Jaques Lacan, dessen theoretische Konstrukte gründlich ausgebreitet werden. Nemitz ist lediglich eine Art Trägersubstanz der Lacanschen Materie, der allerdings hier und da (mit penibler Markierung) seine eigene Geschmacksrichtung beimengt.  Die ersten 3 Folgen waren sehr interessant, unterhaltsam und irgendwie beruhigend und entschleunigend. Wer sich für Psychoanalyse, Sprache und (vermeintlich) anachronistisches Denken interessiert, findet hier den richtigen Podcast. Für mich eine der besten Produktionen, die ich seit langem entdeckt habe… sagen wir seit der Gründung des PsychCast Anfang 2015.

Ich habe auf diesen Podcast gewartet, ohne es zu wissen. Unbewusst.

Was wir von Lacan lernen werden, wenn wir es nur zulassen

Rolf Nemitz erklärt uns, was Lacan mit dem Imaginären, dem Symbolischen und dem Realen meint, dass das „Bewusstsein“ nur Sinn ergibt, wenn es zwangsläufig ein „Unbewusstes“ gibt, was der Signifikant ist und dass das „Begehren“, wie Lacan es meint, nie befriedigt werden kann. Das erläutert Nemitz ganz eingängig mithilfe seiner eigenen Büchersucht während Florentin Will sich seelenruhig und wieder und wieder um einen Übertrag ins Alltagsvokabular bemüht. Was ihm meistens fast, aber niemals so ganz gelingt (gelingen darf)… Der gesamte Dialog ist in seiner Ernsthaftigkeit streckenweise auch sehr witzig und durchgehend unterhaltsam.

Prädikat: highly recommended 

Hier entlang geht’s z. B. zur Folge 2 über „Das Begehren“

Hier noch ein Deutschlandfunk-Essay über Lacan als Text

Beitragsbild:  Blatterhin (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Das Plasberg-oder-Luftschloss-Quiz: Welche Medizin-Talkshows gab es wirklich?

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat einen Bildungsauftrag. Überprüfe in einem kleinen Quiz, ob Du eine Ahnung davon hast, mit welchen medizinischen Themen es diesen erfüllt.

Medizin-Talkshows

Talkshows mit medizinischen Themen sind im deutschen Fernsehen keine Rarität. Das wundert nicht, denn der Informationsbedarf der Menschen zum Thema ist groß. Das medizinische Wissen verdoppelt sich alle 5 Jahre, was bereits für medizinisches Fachpersonal eine riesige Herausforderung darstellt. Doch wie schwer ist es für einen medizinischen Laien, da noch durchzublicken? Nicht einfacher macht es der Umstand, dass es bei Gesundheitsthemen um das Wichtigste geht, was eine Mensch hat: sein Leben, seine körperliche Unversehrtheit, seine Chancen auf Teilhabe und Genuss im Leben. Da entstehen natürlich schnell Ängste und Beunruhigung. Nichtsdestotrotz gibt es Themen, über die öffentlich gesprochen werden sollte. Die Talkshows des öffentlich-rechtlichen Fernsehens übernehmen dies, haben sie doch auch einen Bildungsauftrag.

Quiz: Plasberg oder Luftschloss?

Jetzt kommt das Quiz! Nachstehend werden 8 Titel deutscher Talkshows präsentiert. Finde jene 4 von Ihnen, die es wirklich gegeben hat, die anderen 4 sind frei erfunden:


(1)
Diagnose chronischer Schmerz – Ärztin, Psychotherapeut, Sportmediziner und Krankengymnast im Gespräch: was sind wirksame Therapien ohne Operation?

Maischberger, ARD, 2016


(2)
Katastrophe Krankenhaus: Unnötige Operationen, überlastetes Personal, gefährliche Krankenhaus-keime (…)

Nachtcafé, SWR, 2016


(3)
Diagnose Gier: werden wir beim Arzt abgezockt?

hart aber fair, ARD, 2016


(4)
Diagnose Beziehung: was die Arzt-Patient-Beziehung schwierig macht – und wie wir sie verbessern können!

hart aber fair, ARD, 2017


(5)
Medizin und Bezahlung: wie wollen wir eine immer besser und teurer werdende Medizin finanzieren?

Nachtcafé, SWR, 2016


(6)
Der verunsicherte Patient: Warum misstrauen wir Ärzten?

Maischberger, ARD, 2016


(7)
Gefahr Krankenhaus – Wenig Personal, aber reichlich Keime?

hart aber fair, ARD, 2017


(8)
Sicherheit Krankenhaus – exzellentes Personal und Hightech-Medizin: wissen wir das noch zu schätzen?

Maischberger, ARD, 2017


Welche Talkshows gab es wirklich?

View Results

Loading ... Loading ...

Nun wünsche ich viel Spaß und Erfolg beim Raten – zugegeben, es ist kein ganz einfaches Quiz!

Die Auflösung findest Du hier.

Beitragsbild: Daniela Baack  / pixelio.de

PsychCast Folge 43: Die Kollusion von Arzt und Patient bei psychosomatischen Beschwerden

Psychosomatische Beschwerden: Warum Patienten zu Praxis-Hoppern werden und Ärzte manchmal daran verzweifeln, können Erkenntnisse aus der Paartherapie erklären.

 

Im dreiundvierzigsten PsychCast sprechen wir über die Paar-Kollusion, wie sie der vielleicht weltbeste Paartherapeut Jürg Willi beschrieben hat. Dieses Konzept hat nichts mit der Kollision (mit i statt u) im Straßenverkehr zu tun!

Es geht dabei um problematische Rollenverteilungen in Beziehungen, die unbewusst erfolgen und die mit den jeweiligen Prägungen und Vorerfahrungen der Beteiligten zu tun haben.

Die Theorie besagt, dass sich bereits vor der Beziehung bestehende Persönlichkeitsmerkmale im Laufe einer Partnerschaft häufig zu einer festen Rollenverteilung verhärten und eine solche Konstellation mit der Zeit völlig starr werden kann: Der starke Part wird immer stärker, der Schwache und Anlehnungsbedürftige immer passiver und hilfloser. So ergänzen sich zunächst einmal ein Bewunderter und ein Bewunderer, ein Hilfloser und ein Helfer oder ein Mächtiger und ein Ohnmächtiger. Willi sagt weiter, dass man in dem anderen immer auch einen abgespaltenen Teil seiner Selbst sucht.

Diese verteilten Rollen führen dann jedoch dazu, dass eben jener Teil der eigenen Persönlichkeit immer weniger wahrgenommen und zunehmend verleugnet wird. Das führt über kurz oder lang zu Unzufriedenheit beider Beziehungspartner.

Die psychosomatische Arzt-Patient-Kollusion

In der Podcast-Folge sprechen wir auch darüber, wie Jürg Willi diese Erkenntnisse auf die Arzt-Patient-Beziehung bezieht, insbesondere beim Vorliegen psychosomatischer Beschwerden, er nennt dies „die psychosomatische Arzt-Patient-Kollusion“:

Durch die psychosomatische Symptombildung normalisiert sich häufig das Sozialverhalten betroffener Patienten, beschreibt der Autor. Dies passiert, da es durch die Symptome plötzlich besser gelingt, andere Menschen an sich zu binden und unbewusst dafür zu sorgen, gesehen und in einer Notsituation wahrgenommen zu werden. Da die Krankheit im Vordergrund steht, treten die zwischenmenschlichen Schwierigkeiten erst einmal in den Hintergrund – das entlastet! In ihren offensichtlichen Interessen und Phantasien sind die Patienten somatisch fixiert und können alles Mögliche über ihre Körpervorgänge beschreiben, was sie zunächst zu einem idealen Patienten mache. Sie sind autoritätsgläubig und unterziehen sich bereitwillig vielerlei Untersuchungen. Sie idealisieren und mystifizieren sie den Arzt.

Selber blieben sie jedoch passiv und neigten dazu, die Verantwortung an den mächtig erlebten Mediziner zu delegieren. Dieser genieße seine starke Rolle und sehe davon ab, auf die psychische Seite, die bei psychosomatischen Beschwerden natürlich eine große Rolle spielt, einzugehen. Er nimmt so das Rollenangebot des „Halbgotts in Weiß“ seines Patienten an, beide verleugnen zusammen die Bedeutung der seelischen Seite der gesamten Symptomatik.

Wie kann es also weitergehen?

Weitergehen kann es auf zweierlei Weisen: der Arzt entdeckt einen Bagatell-Befund und hat einen Grund ein „unnötiges“ Medikament zu verordnen oder eine OP zu veranlassen – dann wird die gemeinsame Abwehr fortgesetzt, die Kollusion besteht fort. Oder der Arzt beginnt den Patienten zur Mitarbeit aufzufordern: „Sie müssen aktiv werden, wenn Sie gesünder sein möchten“ und der Patient ist enttäuscht von seinem Ideal-Arzt, fühlt sich gekränkt und wendet sich an den nächsten Super-Doc.

Zusammengefasst ist die volle Ausprägung einer psychosomatischen Arzt-Patient-Kollusion bei unerkannten seelischen Ursachen:

Hört doch mal rein, zur Podcast-Folge geht es hier entlang. Oder direkt hier anhören:

Hier kann man sich das Buch näher ansehen, über das wir sprechen: Jürg Willi – Die Zweierbeziehung: Das unbewusste Zusammenspiel von Partnern als Kollusion

Dank unserer Hörerin S. noch der Hinweis: das Zitat “Der Mensch wird am Du zum Ich” ist nicht von Jürg Willi sondern von Martin Buber. Jürg Willi hat es im Jahr 2012 in einem Interview zu seinem Lieblingszitat erklärt – Link dahin folgt noch. Das wurde in der Sendung falsch rübergebracht und soll hiermit korrigiert werden.

Beitragsbild: Stephanie Hofschlaeger  / pixelio.de

Die Psychotherapie-Richtlinie 2017 auf die Ohren (neuer PsychCast)

„April, April!“ – ab 01.04.2017 gilt die neue Psychotherapie-Richtlinie und konfrontiert alle vertragsärztlich niedergelassenen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mit Diversen Neuerungen. Aufgrund der Trockenheit der Materie haben wir alles Wichtige mündlich im PsychCast für Euch zusammengefasst.

Die Richtlinie zur Durchführung von Psychotherapie wurde grundlegend überarbeitet und die neue Version entfaltet im April ihre Wirkung. Sie dient immer schon als Grundlage für Vereinbarungen zur ordnungsgemäßen Durchführung von Psychotherapie in der Vertragsärztlichen Versorgung.

Wir haben im PsychCast Folge 41 – bis auf wenige Ausnahmen – versucht neutral darzustellen, was sich ändert. Wir verraten nicht, was Jans psychotherapeutisch tätige Nachbarin meinen könnte, wenn sie sagt: „Ab 01. April wird hier alles viel schlechter…“, sondern möchten von Euch wissen, was Ihr von den Neuerungen haltet. Bitte hört dazu mal rein, wir haben uns Mühe gegeben, alles in gut 20 Minuten zu besprechen – und nicht zu kritisieren oder einzuordnen.

Hier kommen Schlagwortartig die wichtigsten Neuheiten zum 01.04.:

  • Terminvergabe in dringenden Fällen auch über die Terminservicestellen der KVen
  • Telefonsprechzeiten von 200 Minuten pro Woche verpflichtend, deren Zeiträume der KV mitgeteilt werden müssen (100 Minuten beim halben Sitz)
  • Durchführung einer „Psychotherapeutischen Sprechstunde„, die verpflichtend ist: bis zu 6 mal mit insgesamt 150 Minuten pro Patient und Jahr, Splittungen auf 25 Minuten sind möglich. Pro Woche müssen 100 Minuten Sprechstunde angeboten werden, als Termin- oder Bestellsprechstunde, was der KV mitgeteilt werden muss. Ein schriftlicher Befund (PTV11) muss dem Patienten mitgegeben werden. Ab 01.04.2018 wird der Sprechstundenbesuch von mindesten 50 Minuten verbindlich um als Patient weiter psychotherapeutisch versorgt zu werden. Die Sprechstunde muss nicht in der Praxis erfolgt sein, in der später die Behandlung durchgeführt wird.
  • Eine Akutbehandlung, die der Krankenkasse angezeigt werden muss von bis zu 12 Sitzungen je 50 Minuten oder bis zu 24 Sitzungen je 25 Minuten sind möglich (kein Antrag, kein Bericht).
  • Eine Kurzzeittherapie hat jetzt 24 Sitzungen und muss beantragt werden, wobei keine Berichtspflicht mehr besteht. Eine eventuell vorher erfolgte Akutbehandlung wird dem Kontingent in Abzug gebracht. Analytische Psychotherapie kann jetzt als Kurzzeittherapie durchgeführt werden.
  • Eine Langzeittherapie (LZT) hat nur noch zwei Bewilligungsschritte und teilweise etwas höhere Stundenkontingente, wovon auf Antrag einige innerhalb von 24 Monaten nach Therapieende als Rezidivprophylaxe verwendet werden dürfen. Die LZT ist Antrags- und Berichtspflichtig, wobei die Krankenkasse entscheiden kann, ob sie keinen Gutachter bestellt, und direkt die Kostenübernahme bewilligt.
  • Weitere Änderungen gibt es im Bereich von Gruppentherapien, die jetzt auch weniger Teilnehmer haben können und mit Einzelsitzungen kombiniert werden dürfen.

Hier geht’s zur kompletten Sendung mit weiteren Details. Oder direkt hier hören:

Links:

Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigung (KBV)
Alles über die neue psychotherapeutische Versorgung bei der KBV
Die neuen Formulare (PTV)
Psychotherapie-Richtlinie (Version 2017) im Original beim Gemeinsamen Bundesausschuss

7 Do’s bei akuter Depression (in der ärztlichen Grundversorgung)

Sei es in der Allgemeinmedizin, Gynäkologie oder Neurologie: Es geht schnell – plötzlich sitzt ein Patient mit einer akuten Depression vor Ihnen. Weinend, verzweifelt oder getrieben und vorwurfsvoll, oft voller Angst. Oft erleben Patienten ein absolutes „Getrenntsein“ von der Welt, die nicht mehr viel mit ihnen zu tun zu haben scheint. Beim Arzt stellt sich nicht selten Ärger, Müdigkeit oder das Gefühl der Lähmung und Hilflosigkeit ein. Folgende 7 Do’s sollen Ihnen Impulse geben, das Bestmögliche für Ihren Patienten zu tun.

Kurz zum Hintergrund:
Ätiologisch bedeutsam sind bekanntermaßen psychische, biologische und soziale Faktoren, die in ihrer Konstellation zum Ausbrechen einer depressiven Erkrankung führen oder nicht. Auf psychischer Ebene kann eine Depression verkürzt als die Erkrankung des Mangels und des Verlustes bezeichnet werden. Dies drückt sich bereits in der Symptomatik aus: Mangel an Freude, Verlust an Antrieb und Motivation, innere Leere usw.
Auch der Auslöser ist häufig ein realer oder auch nur phantasierter Verlust, der einen alten, meistens früher im Leben erworbenen emotionalen Mangel zum Dekompensieren bringt und zum Vollbild einer Depression führt. Solche Situationen können sein: Verlust der körperlichen Fitness (z. B. durch eine Krankheit), drohender oder erfolgter Verlust des Arbeitsplatzes, einer Partnerschaft, der eigenen Leistungskraft oder Ähnliches.

Was tun, wenn ein depressiver Patient plötzlich vor Ihnen sitzt?

  • Trotz einer Sogwirkung in die sich oft entfaltende bleierne Schwere, sollte unbedingt die somatische Seite gründlich abgeklärt werden: Anämie? Schilddrüse? Infekte? Autoimmunkrankheiten? Neoplasmen? Demenz? Parkinson? KHK? … Ebenso sind pharmakologische Ursachen häufig: Antihypertensiva, Sedativa, Antiepileptika, Analgetika, Hormone, Chemotherapeutika, Inferferon (!) …
  • Fragen Sie nach Suchtmitteln, denn die Komorbidität mit Suchterkrankungen wird mit bis zu 60% erhoben. Hier lohnt es sich aktiv und wiederholt nachzufragen. Ganz explizit nicht, um eine mögliche „Selbsttherapie“ des Patienten zu verurteilen, sondern um die notwendigen Schritte in eine Depressionsbehandlung einzuleiten, dazu würde dann ggf. eine Suchtberatung gehören.
  • Die S3-Leitlinie Depression weist darauf hin, dass Patienten häufig nicht über typische depressive Kernsymptome berichten. Stattdessen schildern sie unspezifische Schlafstörungen, Schmerzen, Krankheitsgefühl, Appetitminderung sowie diverser Körperbeschwerden. Hier soll unbedingt aktiv exploriert werden, eine schnelle Methode ist der Zwei-Fragen-Test.
  • Aufklärung ist ganz entscheidend. Eine riesige Entlastung bereitet es den Patienten häufig, mitzuteilen: „Bei Ihnen gehe ich vom Vorliegen einer Depression aus.“ Man kann dazu erklären, dass es sich um eine häufige Erkrankung handelt, dass sie unfassbar belastend ist und alles andere als eine vorübergehende Traurigkeit oder „schlechte Stimmung“. Gleichzeitig ist sie heute gut behandelbar und „ich als Ihr Arzt werde jetzt sofort mit Ihnen zusammen beginnen, Maßnahmen zur Linderung zu ergreifen“. Ebenso wird es oft als hilfreich erlebt, über weitere mögliche Symptome aufgeklärt zu werden.
  • Erste Interventionen in der Grundversorgung können es sein, Zuversicht zu vermitteln („Ich kann Ihnen sagen, dass das auf jeden Fall wieder besser wird“), dem Patienten Entscheidungen abzunehmen („Ich schreibe Sie krank und möchte Sie in 7 Tagen wiedersehen“), positive Aktivitäten zu verordnen, konkrete Hilfe anzubieten („Bezüglich Ihrer Unruhe kann ich Sie mit einem schlaffördernden Medikament unterstützen“). Es ist häufig ein direktives Vorgehen nötig, um die Mitarbeit des Patienten zu erreichen. Dont’s sind Ermahnungen, Aggressionen persönlich nehmen, intransparentes Vorgehen, Bagatellisieren der Beschwerden, „psychologisieren“ der Beschwerden.
  • Schließlich sollte das Suizidrisiko unbedingt im Auge behalten werden – das heisst aktives, offenes Nachfragen: Denken Sie daran, sich das Leben zu nehmen? Haben sie es schonmal versucht? Haben Sie Vorbereitungen getroffen? Was hat Sie bisher davon abgehalten (Ressourcen herausarbeiten)?
    Das konkrete Sprechen über mögliche Todeswünsche erhöht das Suizidrisiko nicht. Alle Formen suizidaler Gedanken sind ernst zu nehmen. Maßnahmen können je nach Schwere und Phase der Suizidalität sein: ein klares Kontaktangebot mit konkreten Anschlussterminen, eine Antisuizidvereinbarung, ggf. stationär-psychiatrische oder -psychosomatische Akutbehandlung sowie medikamentöse Maßnahmen.
    Als klinisches Instrument zur Einschätzung der Suizidalität empfiehlt sich auch der „Fragenkatalog nach Pöldinger“, der auch z. B. fest in der Praxissoftware hinterlegt werden kann – hat den Vorteil, dass man gleichzeitig gründlich dokumentiert hat.
  • Die Weiterbehandlung kann in Absprache mit dem Patienten parallel zur Grundversorgung initiiert werden: ambulante und stationäre Angebote aus den Fachgebieten Psychosomatische Medizin und Psychotherapie oder Psychiatrie und Psychotherapie oder alle anderen Fachgebiete, wenn die Qualifikation Psychosomatische Grundversorgung oder die Zusatzbezeichnung Psychotherapie vorhanden ist. Weiterführend kann eine ambulante Psychotherapie indiziert sein. Medikamentös können Antidepressiva, Neuroleptika und Tranquilizer zum Einsatz kommen. Zu unterscheiden ist die akute Medikation zur schnellen Entlastung von schweren Symptomen (ggf. mit Suizidalität) und eine etwaige längerfristig angelegte antidepressive Pharmakotherapie. Eine spezifische Behandlung der Depression sollte übrigens auch erfolgen, wenn somatische oder pharmakologische Befunde (mit)ursächlich sind.

Zusammenfassung
Depressionsbehandlung in der ärztlichen Grundversorgung heißt schneller Beginn, realistisches Ziel, umschriebene Inhalte, pragmatisches, aktives Vorgehen unter Fokussierung auf eine unterstützende, tragfähige Arzt-Patienten-Beziehung.

 

TitelbildTrauernder alter Mann („At Eternity’s Gate“), Vincent van Gogh [Public domain], via Wikimedia Commons

Gehirn&Geist: postfaktischer Wissenschaftsjournalismus in Quizform

Wozu dienen populärwissenschaftliche Magazine wie Gehirn&Geist, wenn typische Falschinformationen subtil bestätigt werden. In einem aktuellen Online-Beitrag macht das Magazin deutlich, dass es nicht die unweit zurückliegenden Entwicklungsstränge der Medizin und der Psychologie grob auseinanderhalten kann oder will. Nutzen wir doch die Gelegenheit, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen.

„…Es ist ein neues Quiz-Format“ entschuldigt sich die Zeitschrift Gehirn&Geist auf Facebook, nachdem ein Leser auf grobe Fehler des beliebten, populärwissenschaftlichen Magazins (> 30.000 Exemplare Auflage) hingewiesen hatte, ohne diese aber zu korrigieren.

Aber fangen wir mal vorne an. Und schieben wir die Frage nach hinten, ob das alles überhaupt wichtig ist oder ob es nicht völlig egal ist, was die Gehirn&Geist ins Internet schreibt.

Auf Facebook postete das Magazin Ende dieser Woche ein Quiz, in dem beantwortet werden soll, von welchen berühmten Psychologen sieben historisch relevante Zitate stammten.

Was wohl nur dem „Fachmann“ auf den ersten Blick auffällt: ein Teil der als „berühmte Psychologen“ bezeichneten Persönlichkeiten sind eigentlich berühmte Ärzte, wie u. a. folgende:

Sigmund Freud
Er war ein österreichischer Arzt für Neurologie und der Begründer der Psychoanalyse (1856-1939). Er hatte in Wien Medizin studiert und sich anschließend intensiv mit Neurophysiologie und Pharmakologie, später auch mit Neuropathologie beschäftigt. Er ließ sich schließlich als Arzt in Wien nieder und entwickelte die Methode der Psychoanalyse, nicht etwa in Abkehr von der Medizin, sondern um die Sichtweise auf Erkrankungen um die subjektive Ebene zu erweitern. Erst sehr viel später konnte seine Methode auch von anderen Berufsgruppen, den damals s. g. „Nicht-Ärzten“ durchgeführt werden („Laienanalyse“).

Alfred Adler
Adler (1870-1937) studierte ebenfalls Medizin in Wien und arbeitete zunächst als Augenarzt, später als Allgemeinmediziner. Er nahm an Veranstaltungen von Freud teil und entwickelte seine eigene Lehre von der Psychoanalyse, die sich besonders auf das Organsystem des Menschen bezieht. 1907 veröffentlicht er die „Studie über die Minderwertigkeit von Organen“ und legt als Mediziner einen weiteren Grundstein zum Verständnis von Körperbeschwerden, die durch psychische Auslöser (mit)bedingt sind.

C. G. Jung
Der Schweizer Arzt und Psychiater C. G. Jung (1875-1961) studierte Medizin in Basel, beschäftigt sich viel mit Psychosen, entwickelte eigene psychodynamische Konzepte (Analytische Psychologie) und wurde Vorstandsmitglied der Internationalen Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie (IAÄGP). Übrigens gehörte der Schriftsteller Hermann Hesse zu Jungs Patienten.

Das sind also alles Ärzte – aber was ist die Psychologie?

Die Psychologie ist eine streng empirische Wissenschaft und keine Heilkunde wie die Medizin. Sie beschäftigt sich mit den Erleben und Verhalten des Menschen, nicht um Krankheiten zu heilen sondern zunächst erstmal als eine Grundlagenwissenschaft. Statistik und Anthropologie bilden die Grundlage des Faches Psychologie. Psychologie gibt es als eigenständige wissenschaftliche Disziplin seit Anfang des 19. Jahrhunderts. Wenn man ein Psychologie-Studium abgeschlossen hat, kann man heute in Deutschland eine mehrjährige Ausbildung zum Psychotherapeuten machen. Ist das vielleicht der Link, der Gehirn&Geist im Kopf herumspukte?

Screenshot aus dem Quiz-Beitrag über den Arzt Sigmund Freud:

Quelle: Gehirn&Geist – https://www.facebook.com/gehirnundgeist/

 

Wo liegen die Probleme des kleinen Quiz-Beitrages?

Das Titel-Bild mit dem Mann auf der Couch soll beim Betrachter wohl die Assoziation zur Psychoanalyse wachrufen. Diese aber entstand gar nicht aus der empirischen Psychologie, sondern aus der Medizin. Das Foto passt also nicht, wenn man über Zitate „berühmter Psychologen“ sprechen möchte. Es verursacht eher einen medizinhistorischen Kauderwelsch im Kopf des Lesers.
Dann kommen die erwähnten Ärzte, die wichtige Impulse für die spätere Entwicklung der medizinischen Gebiete Psychiatrie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie geliefert haben. Sie werden als Psychologen bezeichnet.

Ja, aber ist das denn nun so schlimm? Die fühlen sich halt an, wie Psychologen!

Das Entscheidende ist, wieviel Niveausenkung wir bereit sind, zu ertragen. Und auf die Ansprüche: Man kommt auch durchs Leben ohne die Unterschiede von Bundeskanzler, Bundespräsident, Bundestagsabgeordneter und Minister zu kennen. Wer sich mit der Gehirn&Geist beschäftigt, sollte jedoch auch bei mittlerer Komplexität, wie dem Unterschied von Medizinern und Psychologen, Exaktheit erwarten können.

Das Gravierendste ist, dass neuere Forschung den Zusammenhang von körperlichen und psychischen Prozessen immer besser belegen kann. Also die „alten“ Ärzte Freud, Adler, Jung und wie sie alle hießen hatten mehr Recht mit ihrer Medizin für Körper und Psyche, als wir zwischenzeitlich dachten. Wieso kann das nicht klar benannt werden? Gerade das interessiert doch die Follower von Gehirn&Geist!
Die populärwissenschaftliche Zeitschrift firmiert immerhin mit dem Slogan „Psychologie. Hirnforschung. Medizin.“

Das größte Missverständnis zur Medizin psychischer Erkrankungen ist: Sie ist Teil der Humanmedizin (und gehört eben nicht einfach in die „Psychologie“ oder Ähnliches ausgelagert). Solche Beiträge schreiben eine Trennung auf sehr subtile Weise immer weiter fort. Als kleines Quiz – mal im „Vorbeiklicken“ – ist das besonders postfaktisch. Weil bestehende Fehlannahmen viel stärker bestätigt werden, wenn der Text gar nicht zum reflektieren einlädt, sondern Fakten suggeriert. Noch ein Bild von der Analyse-Couch dazu und fertig ist der Psycho-Kauderwelsch.

UPDATE vom 20.01.2017, 20.10 Uhr: Gehirn&Geist hat die hier beleuchteten Zitate kurzfristig von „Psychologen“ in „Seelenkundler“ bzw. „Forscherinnen und Forscher“ an einer anderen Stelle verändert. Kenntlich gemacht oder kommentiert hat das Magazin diese Korrektur nicht.

Quellen
http://www.spektrum.de/quiz/wer-hats-gesagt-7-zitate-beruehmter-psychologen/1433513
http://www.wikipedia.de

Sprech-Stunde: Warum Mediziner unbedingt podcasten sollten

Podcasting ist derzeit ein riesen Trend. Zusammengesetzt ist es aus den Worten „Pod“, abgeleitet von apples iPod und „Cast“, zurückzuführen auf das englische Broadcasting, also Rundfunk. Es handelt sich um eine Art persönliche Radiosendung, die jeder als abonnierbare MP3-Dateien über das Internet verbreiten oder empfangen kann. Aufgrund seiner gezielten Ausstrahlung nur an Interessenten (und nicht an jeden, wie im Radio) können auch wunderbar Nischenthemen abgedeckt werden.

Folgender Artikel soll Ihnen helfen zu entscheiden, ob das Thema Podcasting für Sie, Ihre Praxis oder Abteilung bzw. Ihre Forschungsvorhaben interessant ist. (Der Text kann auch für Fachkreise weiterer Berufe im Gesundheitswesen relevant sein.)

Weshalb sind Podcasts beliebt?

Das klassiche Radio versucht zu vermeiden, dass Hörerinnen und Hörer abschalten. Das funktioniert am besten über Musik, denn meistens ist für jeden etwas dabei. Gesprochenes Wort polarisiert deutlich mehr, was sich viele Radiostationen nicht antun wollen. Für an speziellen Themen interessierte Menschen kommen also Podcasts als alternatives Radio-on-demand wie gerufen. Allein auf iTunes sind derzeit über 250.000 Produktionen gelistet. Das ganze ist kostenlos und bequem: man kann sie am PC oder direkt auf das Smartphone herunterladen und im Zug oder beim Spazienrengehen hören, auch wenn man offline ist. Inzwischen hat Apple auf jedem ausgelieferten iPhone die Podcast-App bereits vorinstalliert, was die Reichweite für Podcast-Macher erhöht.

Was macht Podcasting so besonders?

In einer immer komplexer werdenden Medizin sind Audiodateien, von Ihnen – z. B. als Arzt in der Praxis oder als Forschungs- oder Abteilungsarzt selber produziert, eine Möglichkeit, Ihren Botschaften genügend Raum zu geben. Es ist nicht nötig, sich an übliche Artikellängen zu halten und Konventionen, was Aufbau und Reduktion angeht, einzuhalten. Sie sind frei, was die Länge einzelner Folgen angeht und in der Verwendung verschiedener Formate: Vielleicht lässt sich eine neue Untersuchungstechnik in Ihrem Labor gut als Interview darstellen, in dem verschiedene beteiligte Mirarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre „Experteneinschätzung“ dazu abgeben. Oder Sie berichten direkt nach der Mitgliederversammlung Ihres Berufsverbandes, was es an neuen Entwicklungen Ihrer Fachgruppe gibt.

Trotz der Begrenzung Ihrer Zielgruppe auf Ihre Kundschaft, Ihre Berufskolleginnen und Kollegen oder Ihre Patientientinnen und Patienten, wird sich schnell eine Hörerschaft finden, die eben genau an Ihren Themen sehr interessiert ist – und somit auch aus treuen und interaktiven Followern bestehen wird.

Zudem ist ein Podcast ein sehr persönliches Medium. Da die meisten Podcasts über Handy und Ohrstöpsel hören, findet das ganze direkt im Ohr der Hörerin oder des Hörers statt. Je nach Interesse verbringen Sender und Empfänger eine ganze Menge Zeit miteinander und die Podcasterin oder der Podcaster zeigt viel mehr von seiner Persönlichkeit als bei einem Text-Angebot. Patientinnen und Patienten wissen sehr zu schätzen, gelegentlich locker vorgetragene, medizinische Alltags-Tipps von Ihnen zu erhalten. Beispiele können sein: monatliche Tipps für das Management eines Diabetes, Aufklärung über typische Medizin-Mythen („Antibiotika gegen Grippe“) oder Erläuterungen zu neuen OP-Techniken. Einiges kann hier sicher besser, direkter und persönlicher an die Zielgruppe vermittelt werden, als wenn es über den herkömmlichen „Medizinjournalismus“ läuft, der seit Jahr und Tag bemüht ist, die Definitionshoheit über Krankheit und Gesundheit zu übernehmen (vgl. Edward Shorter).

Sie wollen lieber erstmal zuhören?

Kein Problem, denn es gibt eine bombastische Auswahl an deutsch- und englischsprachigen Medizinpodcasts. Am besten sucht man bei iTunes in der Rubrik „Wissenschaft & Medizin > Medizin“. Man findet nur zum Beispiel: „Listen to The Lancet“, „Nature Medicine Podcast“, NEJM This Week“, „Braincast – auf der Frequenz zwischen Geist und Gehirn“, „Ask an Eye Doc“, „The Dr. Drew Podcast“ eines amerikanischen Internisten und Suchtmediziners und den „PsychCast“ als Psychiatrie- und Psychosomatik-Podcast, den ich seit ca. zwei Jahren zusammen mit meinem Freund Dr. Jan Dreher betreibe. Eine Medizin-Uni, die bereits podcastet ist z. B. die Medizinische Hochschule Hannover.
Leider sieht man auch, dass unheimlich viele medizinische Themen von nicht-medizinischem Personal bespielt werden, sodass Hörer auch nicht selten falschen oder manipulativen Informationen ausgesetzt sind, die am Ende eine Kaufentscheidung befördern sollen.
Internet-Kenner und Blogger Sascha Lobo ist sich sicher, dass die Ärzteschaft derzeit eine Riesenchance auf die Teilnahme an der Realitätserzeugung im Netz verpasse: Die Ärzteschaft als Ganzes müsse sich darüber klar werden, dass sie Teil eines digitalen Lebensstiles würde (vgl. Ärzte Zeitung).

Was braucht man zum Starten?

Sollten Sie sich entscheiden, dem aktiven Podcasting eine Chance zu geben, brauchen Sie nicht viel: eine gute Idee, ein paar Themen für die ersten Shows, ein USB-Mikrofon oder ein mobiler Audiorecorder z. B. vom Marktführer ZOOM reichen aus, um bereits hochwertige Audioaufnahmen zu erstellen. Ein wenig zurechtschneiden lässt sich das ganze einfach mit der Freeware Audacity. Je nach Technikaffinität gibt es dann verschiedene Möglichkeiten, das Ergebnis in die Welt zu senden: Soundcloud (das „Youtube der Audiodateien“), eine WordPress-Installation auf dem eigenen Webspace mit dem Podlove-Plugin oder der Podcast-Anbieter Libsyn sorgen für die Verfügbarkeit auf jedem Fleck der Erde. Hier ist ganz klar zu sagen: Ja, Lust auf ein technisches Projekt sollte vorhanden sein, sonst kann das alles ganz schön frickelig werden. Natürlich gibt es auch einige Alternativen zum Podcasting: Videos auf Youtube verbreiten, was sicher noch deutlich zeitaufwändiger und technisch anspruchsvoller ist. Zudem kann man über das klassische Bloggen seine Zielgruppe erreichen, dafür kann man mit nur wenigen Klicks einen Blog auf DocCheck.com anlegen.

Kann ich mit Medizin-Podcasts Geld verdienen?

Ja und nein. Ein seriöser Podcast ist zunächst mal ein Geschenk an alle, die das Thema interessiert. Ihren Einsatz direkt zu Geld zu machen ist schwierig (aber prinzipiell über Werbung möglich). Ich würde jedoch vom Podcasten abraten, wenn dies das Ziel sein sollte. Denn was man als Podcaster – abgesehen von Geld – zurückbekommt ist unbezahlbar: Kontakt zu unheimlich vielen Menschen, die bestimmte Dinge gleich oder anders sehen, Ihnen aber aufmerksam zuhören und vielleicht gerne einmal in Ihrem Podcast zu Gast wären. Dies wiederum bietet neuen Mehrwert für Ihre Hörer und Sie. Zudem können Sie Ihr fundiertes Wissen zu bestimmten Themen der Medizin vermitteln, also lehren und aufklären – ein tief verwurzeltes Anliegen vieler Ärztinnen und Ärzte.

Und klar, natürlich ist ein Podcast für die Praxis oder Klinik auch PR und zwar auf einem überaus transparentem Weg: Sie verschenken ehrliche Einblicke und „persönliche Mitteilungen“ an Interessierte und Patientinnen und Patienten. Diese können sich schon ein Bild von Ihnen und Ihrer Arbeitsweise machen, bekommen schon aktuelle medizinische Informationen und entscheiden dann, ob Sie die oder der richtige Ansprechpartner/in für sie sein könnten.
Außerdem kann es Zeit sparen, immer die gleichen Dinge in der Sprechstunde in aller Ausführlichkeit zu wiederholen: die oder der junge, sowieso online lebende Patientin oder Patient kann doch mit einem Fingerwisch alle Infos zu den aktuellen Impfempfehlungen auf dem Smartphone anhören – von Ihnen persönlich zusammengefasst!

Übrigens: Ich bin ein absoluter Gegner davon, den persönlichen und auf Vertrauen basierenden Kontakt zu unseren Patientinnen und Patienten durch leblose online-Angebote (für alles gibt’s ’ne App) zu ersetzen und die Medizin undifferenziert zu einer reinen Dienstleistung werden zu lassen. Aber im Podcasting sehe ich die Chance, die gute alte Medizin der persönlichen Ansprache und die „Droge Arzt“ auch ein wenig ins digitale Zeitalter zu transferieren.

3 kurze Tipps zum Start

Wenn Sie ein gutes Handy wie ein iPhone haben, können Sie versuchen, damit erste Aufnahmen zu erstellen. Die Qualität ist inzwischen recht gut.

Engagieren Sie lieber keine professionelle Firma, die Ihnen einen Podcast produziert. Wenn die persönliche Note wegfällt, kann das Ganze für die Hörer schnell uninteressant werden.

Bedenken Sie auch folgenden Vorteil: als Podcaster ist man noch Aufmerksamer auf Fortbildungen und interessierter an kniffeligen Fällen – überall lauert das Thema für die kommende Podcast-Ausgabe!

 

Dieser Artikel ist auch auf DocCheck.com erschienen.

Foto: Kugelstadt

Der Antidepressiva-Reflex

Mal einfach gedacht: Wenn einer eine Infektion hat, gibt man ihm ein Antiinfektivum. Gegen Vergiftungen helfen Gegengifte (Antidots), gegen Terror setzt man Anti-Terror-Einheiten ein, gegen Faschisten machen Antifaschisten mobil. Und was tut man gegen eine Depression? Klar: Antidepressiva geben. Oder?

Sprache verführt

Dass hier Sprache verführt und man dem immer noch gesellschaftlich tief verankerten Irrtum nach einfachen, mechanistischen Ursache-Wirkungs-Prinzipien aufsitzt, wird schnell erkennbar. Ihnen fallen sicher sofort einige Infektionen ein, bei denen man im klinischen Alltag keine Antiinfektiva gibt, da sie nichts nutzen oder ihr Nutzen nicht die Nachteile überwiegt.

Allgemein ist natürlich nichts dagegen einzuwenden, dass Sprache unser Denken prägt und Denken Vereinfachungen braucht. Doch in folgendem Zusammenhang gerate ich zunehmend ins Zweifeln:

Der Antidepressiva-Reflex

Die Ursachen depressiver Erkrankungen sind sehr inhomogen, komplex und vielschichtig sowie häufig durch Komorbidität (mit)geprägt. Entsprechend differenziert ist die Wahl des Behandlungsverfahrens zu betreiben.

Dennoch höre ich als Arzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie meistens die eine Frage von Mitbehandlern, MDK und Behörden:

Warum hat der Patient kein Antidepressivum?

Diese verführerische Frage nach dem scheinbar Naheliegenden taufe ich den Antidepressiva-Reflex. Immer, wenn sie mir gestellt wird, macht sich kurz das Märchen von der Depression als Gift und dem Antidepressivum als Gegengift breit. Gesponsert – nehme ich an – von der Macht der Sprache. Studien nämlich zeigen immer deutlicher: der Placebo-Effekt spielt bei den Antidepressiva eine große Rolle. Und antidepressiv wirken Dinge wie Sport oder eine gute therapeutische Beziehung als Korrektiv für negative Bindungserfahrungen mindestens genauso stark.

Sozialer Druck als Ursache?

Die Depression ist eine Krankheit, die oft zu langen Zeiten der Arbeitsunfähigkeit führt: eine mittelgradige depressive Episode z.B. zu 75 Tagen im Schnitt, eine rezidivierende mittelgradige Episode zu fast 90 Tagen. Das Wort „mittelgradig“ hört sich nicht so ganz schlimm an, beschreibt jedoch in der Praxis oft ein schweres Krankheitsbild mit großen Einschränkungen und hohem Leidensdruck – und langer Krankschreibung.

Aufgrund der Dauer ihrer Erkrankung geraten viele Patienten in den Krankengeldbezug, erhalten also eine Lohnersatzleistung. Beim Patienten, bei den Krankenkassen, beim MDK, bei den Mitbehandlern besteht ein gewisser Druck: Lösungen für eine schnelle Gesundung müssen her, und zwar schnell. Die flächendeckend verinnerlichte Formel scheint zu lauten: „Depressive Episode + Antidepressivum = Arbeitsfähigkeit“.

Die Lange der Dauer einer depressiven Erkrankungsphase liegt jedoch vielmehr in der Natur, in der Langsamkeit des Seelenlebens und seiner Heilungsfähigkeit statt in einer „versäumten“ Psychopharmakotherapie. So wirkt das Ganze dann jedoch häufig nach außen.

Depressionsbehandlung ohne Reflex

Die Wahrheit ist, dass sich Ursachen einer Depression in einer gründlichen psychosomatischen Untersuchung durchaus differenzieren lassen. Diagnostik-Dauer beim Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie: etwa 4 Termine à 50 Minuten – schneller ist die Seele leider nicht. Für den individuellen Fall lassen sich dann durchaus intrapsychische, soziale und somatische Ursachen differenzieren. Auch für die Psychogenese von Erkrankungen lassen sich Kriterien erfassen und auswerten: durch die Sachinformationen des Patienten, durch das szenische Verstehen der Patient-Arzt-Interaktion. Und durch das Einordnen des heutigen Denkens, Fühlens und Handelns in einen biographischen Kontext sowie durch die genaue Ermittlung des eine Symptomatik auslösenden Momentes.

Lassen sich psychodynamische Ursachen für eine Depression ermitteln und stellen diese für Patient und Arzt eine gemeinsame Arbeitsgrundlage dar, ist eine psychotherapeutische Behandlung und nicht die medikamentöse Therapie sicher der Goldstandard. Entgegen vieler Behauptungen fordert die S3-Leitlinie übrigens nichts anderes: bei der leichten Episode erstmal watchful waiting, bei der mittelgradigen Episode Psychotherapie oder Medikation und bei der schweren die Kombination Somato- und Psychotherapie.

Ratio sollte ausschlaggebend sein

Dieser Text möchte die medikamentösen Möglichkeiten in der Behandlung depressiver Erkrankungen keineswegs verteufeln. Im Gegenteil. Sie können nötig und richtig sein. Es ist gut, dass wir die Substanzen auf der einen Seite, und die Effekte von Selbsterkenntnis und innerer Veränderung durch korrigierende emotionale Erfahrungen auf der anderen Seite, zur Therapie nutzen können.

Bei der gründlichen Behandlungsplanung im Sinne des Patienten sollten wir uns von der Wucht des Antidepressiva-Reflexes nicht leiten lassen.

Quellen:
TK Depressionsatlas 2015
S3 Leitlinie Depression
Kirsch-Studie

Dieser Artikel ist auch auf DocCheck.com erschienen.

Foto: A. Kugelstadt

Beschleunigung und Psychotherapie

Beschleunigung und Psychotherapie

Das Zeitalter der Selbstoptimierung

Wir befinden uns im Zeitalter der Beschleunigung und Selbstoptimierung. Der „Psychotherapeut“ (ein Fachmagazin) von März dieses Jahres fiel mir kürzlich in die Hände. Der Titel: „Der optimierte Mensch“. Im Artikel „Optimize yourself“ von Diana Pflichthofer heisst es dort:

Ganz und gar unzeitgemäß scheint es heute zu sein, sich für etwas, für sich, für den anderen Zeit zu nehmen. „Scheint“, weil dieses zu unterschreiben eigentlich schon bedeutet, sich dem Diktat des allgegenwärtigen Kapitalismus zu beugen.

Selbstmarketing ist ein weiteres dieser Stichwörter. Wer sich vermarktet muss schnell sein, reagieren. Facebook misst und veröffentlicht z. B. die durchschnittliche Antwortzeit auf einer Facebook-Page: „antwortet innerhalb von Minuten“ z. B. – Geschwindigkeit ist zu einer Währung geworden.

Aber auch psychotherapeutische Prozesse (als Kommunikationstechnologie) stehen vor einer neuen Herausforderung: wie können sie in der beschleunigten Welt bestehen ohne an Qualität zu verlieren?

Warum Kommunikation aus dem Reflex dem Patienten schadet

Der „psychotherapeutische Raum“ (insbesondere in der Psychodynamischen Psychotherapie) ist ein Ort, an dem wir nicht wie im Alltag kommunizieren. Innerhalb eines klaren und transparenten Rahmens versuchen wir viel mehr, die Aussagen hinter dem Gesagten und die Bedeutung des scheinbar Unbedeutenden zu verstehen. Das ist deshalb wichtig, weil dem seelisch Kranken etwas abhanden gekommen ist. Er hat ein Stück von sich selbst, eine wichtige Kontaktstelle zur Welt verloren oder einen inneren Kompass, der nicht mehr abzulesen ist. Kurzum: In einer Therapie geht es zunächst einmal um das Verstehen, was eigentlich los ist.

Weil die Ursachen unbewusst verborgen sind und sich in quälenden Symptomen äußern (statt in Sprache) gleicht die Suche einer mittelgroßen Schatzsuche. Jeder mögliche Hinweis muss auf dem Puzzle der Schatzkarte auf seine Relevanz überprüft werden, vor allem Randbemerkungen, E-Mails, SMS, Anrufbeantworter-Sprüche, Facebook-Messages. Sie entstehen nämlich häufig aus dem Bauch, aus dem Gefühl der Eile, der Dringlichkeit.

Für uns Psychotherapeuten ist es wichtig, dem einen Raum zu geben und gemeinsam mit unseren Patienten einen Verstehensprozess zu beginnen. Dafür ist es jedoch schädlich, gleich den Ball zurückzuspielen und reflexhaft zu antworten. Weil wir uns dann vielleicht gut verstehen und das angenehme Gefühl einer schnellen Resonanz erzeugen, jedoch nicht auf die tiefere Schicht der eigentlichen Nöte und Ängste vorstoßen. Wir hätten einen Krückstock geschaffen ohne verstanden zu haben, warum das Bein humpelt.

Gedanken müssen reifen

In einer Psychotherapie übt man wieder, Gedanken reifen zu lassen. Dies scheint im beschleunigten Alltag immer schwieriger zu werden. Gedanken reifen lassen heisst auch, nicht jede Frage sofort zu beantworten. Sondern es heisst: die Frage und ihre Bedeutung wirken lassen zu können. Und verschiedene Antworten und ihre Auswirkungen einmal zu durchdenken. Vielleicht kennen Sie das: Wenn man eine E-Mail nicht am selben Tag beantwortet sondern zwei Tage liegen lässt, fällt die Antwort ganz anders aus, als man am Anfang dachte. Völlig unbemerkt hat das Thema in einem weitergearbeitet und konnte neu geordnet werden. Früher sprach man vom „nochmal drüber schlafen“. Keine schlechte Idee… wenn bloß nicht überall die „Sofortkauf-Schaltflächen“ leuchten würden.

Herausforderung für Patienten und ihre Psychotherapeuten

Im therapeutischen Raum gibt es keinen Sofortkauf. Die Kunst besteht darin, das Handeln einmal hinten anzustellen und einen Gedanken, ein Sorge, einen Impuls aus verschiedenen Himmelsrichtungen zu beleuchten. Das kann für den modernen Menschen ungewohnt sein. Gleichzeitig hat es etwas heilsames, diesen Raum zunächst in der Therapie wieder zu entdecken – und dann auch für sich selber, ganz alleine. Für uns Therapeuten gilt das Gleiche: es ist ungewohnt, Anfragen liegen zu lassen oder eigenen Impulsen nach einer schnellen, „das-wird-schon-Antwort“ zu widerstehen, zumal die Geschwindigkeit, in der Alltagskommunikation heute abläuft durch WhatsApp und andere sehr rasant geworden ist.

Patienten und Psychotherapeuten müssen letztlich deutlicher als früher klären, wozu sie schnelle, digitale Kommunikationswege nutzen können und wollen. Noch viel mehr als im Alltag wird deutlich, dass es sich im Rahmen einer Psychotherapie nur um Hilfsmittel handelt, wenn wir ihre Verwendung in einen kommunikativen Zusammenhang, in eine Beziehung einordnen können. Das Reflektieren darf nicht zu Gunsten der Geschwindigkeit gekürzt werden.

Das Eigentliche, das therapeutisch Wirksame wird sich nur in einem entschleunigten Austauschen von Gedanken und Gefühlen entfalten können. Bei wichtigen Überlegungen ist es wahrscheinlich wie bei gutem Wein: je älter desto besser.

Dieser Artikel ist auch im Psychosomatikum Blog auf DocCheck.de erschienen.