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Gehirn&Geist: postfaktischer Wissenschaftsjournalismus in Quizform

Wozu dienen populärwissenschaftliche Magazine wie Gehirn&Geist, wenn typische Falschinformationen subtil bestätigt werden. In einem aktuellen Online-Beitrag macht das Magazin deutlich, dass es nicht die unweit zurückliegenden Entwicklungsstränge der Medizin und der Psychologie grob auseinanderhalten kann oder will. Nutzen wir doch die Gelegenheit, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen.

„…Es ist ein neues Quiz-Format“ entschuldigt sich die Zeitschrift Gehirn&Geist auf Facebook, nachdem ein Leser auf grobe Fehler des beliebten, populärwissenschaftlichen Magazins (> 30.000 Exemplare Auflage) hingewiesen hatte, ohne diese aber zu korrigieren.

Aber fangen wir mal vorne an. Und schieben wir die Frage nach hinten, ob das alles überhaupt wichtig ist oder ob es nicht völlig egal ist, was die Gehirn&Geist ins Internet schreibt.

Auf Facebook postete das Magazin Ende dieser Woche ein Quiz, in dem beantwortet werden soll, von welchen berühmten Psychologen sieben historisch relevante Zitate stammten.

Was wohl nur dem „Fachmann“ auf den ersten Blick auffällt: ein Teil der als „berühmte Psychologen“ bezeichneten Persönlichkeiten sind eigentlich berühmte Ärzte, wie u. a. folgende:

Sigmund Freud
Er war ein österreichischer Arzt für Neurologie und der Begründer der Psychoanalyse (1856-1939). Er hatte in Wien Medizin studiert und sich anschließend intensiv mit Neurophysiologie und Pharmakologie, später auch mit Neuropathologie beschäftigt. Er ließ sich schließlich als Arzt in Wien nieder und entwickelte die Methode der Psychoanalyse, nicht etwa in Abkehr von der Medizin, sondern um die Sichtweise auf Erkrankungen um die subjektive Ebene zu erweitern. Erst sehr viel später konnte seine Methode auch von anderen Berufsgruppen, den damals s. g. „Nicht-Ärzten“ durchgeführt werden („Laienanalyse“).

Alfred Adler
Adler (1870-1937) studierte ebenfalls Medizin in Wien und arbeitete zunächst als Augenarzt, später als Allgemeinmediziner. Er nahm an Veranstaltungen von Freud teil und entwickelte seine eigene Lehre von der Psychoanalyse, die sich besonders auf das Organsystem des Menschen bezieht. 1907 veröffentlicht er die „Studie über die Minderwertigkeit von Organen“ und legt als Mediziner einen weiteren Grundstein zum Verständnis von Körperbeschwerden, die durch psychische Auslöser (mit)bedingt sind.

C. G. Jung
Der Schweizer Arzt und Psychiater C. G. Jung (1875-1961) studierte Medizin in Basel, beschäftigt sich viel mit Psychosen, entwickelte eigene psychodynamische Konzepte (Analytische Psychologie) und wurde Vorstandsmitglied der Internationalen Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie (IAÄGP). Übrigens gehörte der Schriftsteller Hermann Hesse zu Jungs Patienten.

Das sind also alles Ärzte – aber was ist die Psychologie?

Die Psychologie ist eine streng empirische Wissenschaft und keine Heilkunde wie die Medizin. Sie beschäftigt sich mit den Erleben und Verhalten des Menschen, nicht um Krankheiten zu heilen sondern zunächst erstmal als eine Grundlagenwissenschaft. Statistik und Anthropologie bilden die Grundlage des Faches Psychologie. Psychologie gibt es als eigenständige wissenschaftliche Disziplin seit Anfang des 19. Jahrhunderts. Wenn man ein Psychologie-Studium abgeschlossen hat, kann man heute in Deutschland eine mehrjährige Ausbildung zum Psychotherapeuten machen. Ist das vielleicht der Link, der Gehirn&Geist im Kopf herumspukte?

Screenshot aus dem Quiz-Beitrag über den Arzt Sigmund Freud:

Quelle: Gehirn&Geist – https://www.facebook.com/gehirnundgeist/

 

Wo liegen die Probleme des kleinen Quiz-Beitrages?

Das Titel-Bild mit dem Mann auf der Couch soll beim Betrachter wohl die Assoziation zur Psychoanalyse wachrufen. Diese aber entstand gar nicht aus der empirischen Psychologie, sondern aus der Medizin. Das Foto passt also nicht, wenn man über Zitate „berühmter Psychologen“ sprechen möchte. Es verursacht eher einen medizinhistorischen Kauderwelsch im Kopf des Lesers.
Dann kommen die erwähnten Ärzte, die wichtige Impulse für die spätere Entwicklung der medizinischen Gebiete Psychiatrie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie geliefert haben. Sie werden als Psychologen bezeichnet.

Ja, aber ist das denn nun so schlimm? Die fühlen sich halt an, wie Psychologen!

Das Entscheidende ist, wieviel Niveausenkung wir bereit sind, zu ertragen. Und auf die Ansprüche: Man kommt auch durchs Leben ohne die Unterschiede von Bundeskanzler, Bundespräsident, Bundestagsabgeordneter und Minister zu kennen. Wer sich mit der Gehirn&Geist beschäftigt, sollte jedoch auch bei mittlerer Komplexität, wie dem Unterschied von Medizinern und Psychologen, Exaktheit erwarten können.

Das Gravierendste ist, dass neuere Forschung den Zusammenhang von körperlichen und psychischen Prozessen immer besser belegen kann. Also die „alten“ Ärzte Freud, Adler, Jung und wie sie alle hießen hatten mehr Recht mit ihrer Medizin für Körper und Psyche, als wir zwischenzeitlich dachten. Wieso kann das nicht klar benannt werden? Gerade das interessiert doch die Follower von Gehirn&Geist!
Die populärwissenschaftliche Zeitschrift firmiert immerhin mit dem Slogan „Psychologie. Hirnforschung. Medizin.“

Das größte Missverständnis zur Medizin psychischer Erkrankungen ist: Sie ist Teil der Humanmedizin (und gehört eben nicht einfach in die „Psychologie“ oder Ähnliches ausgelagert). Solche Beiträge schreiben eine Trennung auf sehr subtile Weise immer weiter fort. Als kleines Quiz – mal im „Vorbeiklicken“ – ist das besonders postfaktisch. Weil bestehende Fehlannahmen viel stärker bestätigt werden, wenn der Text gar nicht zum reflektieren einlädt, sondern Fakten suggeriert. Noch ein Bild von der Analyse-Couch dazu und fertig ist der Psycho-Kauderwelsch.

UPDATE vom 20.01.2017, 20.10 Uhr: Gehirn&Geist hat die hier beleuchteten Zitate kurzfristig von „Psychologen“ in „Seelenkundler“ bzw. „Forscherinnen und Forscher“ an einer anderen Stelle verändert. Kenntlich gemacht oder kommentiert hat das Magazin diese Korrektur nicht.

Quellen
http://www.spektrum.de/quiz/wer-hats-gesagt-7-zitate-beruehmter-psychologen/1433513
http://www.wikipedia.de

Bekommen und Geben in der Marketing-Gesellschaft (und im Werk Erich Fromms)

In seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ (1956) setzt sich der Psychoanalytiker Erich Fromm u. a. mit der im Alltag völlig vergessenen Frage auseinander, wie sich Bekommen und Geben eigentlich zueinander verhalten.

Heutzutage, in der Marketing-Gesellschaft bzw. im Zeitalter der sogenannten „Generation vielleicht“ (Holger Salge) würde die Antwort naheliegen, dass man schon gibt – aber natürlich um dafür wiederum zu bekommen. Mit anderen Worten: man kauft sich, was man möchte und bezahlt für diese Leistung (möglichst wenig) Geld. Gemeinhin scheint dann jedoch die Erwartung angemessen, für das gezahlte Geld eine einwandfreie Leistung zu erhalten, bei der die Gegenseite keinen weiteren Gewinn als den finanziellen zu erwarten habe. Außerdem kann jede nicht makellose Lieferung jederzeit storniert, rückabgewickelt oder beanstandet werden („Generation vielleicht“ eben, vielleicht aber auch nicht).

Aber: macht uns das glücklich?

Im Onlinehandel kann das bestimmt punktuell sinnvoll sein, aber ganz generell würde Fromm sicher mit „nein“ antworten. Er schreibt: „(was Geben heißt) ist doppelsinnig und ziemlich kompliziert. Das am meisten verbreitete Missverständnis besteht in der Annahme, Geben heißt etwas ‚aufgeben‘, dessen man damit beraubt wird und das man zum Opfer bringt (…). Der Marketing-Charakter ist zwar bereit, etwas herzugeben, jedoch nur im Austausch für etwas anderes, das er empfängt; zu geben ohne zu empfangen, ist für ihn gleichbedeutend mit Betrogenwerden.“

Daher rühre laut Fromm auch der Spruch „Geben ist seliger denn Nehmen“, der besage, es sei besser Entbehrungen „zu erleiden“ als Freude zu erfahren. Dabei sieht er gerade im Geben bzw. im Schenken den höchsten Ausdruck des Vermögens: Stärke, Reichtum und Macht. Nicht weil es ein Opfer sei, sondern weil darin die eigene Lebendigkeit zum Ausdruck komme.

Und irgendwann kommt Erich Fromm weg von der Betrachtung des Materiellen, hin zur Untersuchung der Bedeutung für den zwischenmenschlichen Bereich. Eine Frage, die heute zweifellos gesellschaftlich hochinteressant ist. Er fragt: „Was gibt ein Mensch dem anderen? Er gibt etwas von sich selbst, vom Kostbarsten, was er besitzt, er gibt etwas von seinem Leben. (…) er gibt ihm etwas von seiner Freude, von seinem Interesse, von seinem Verständnis, von seinem Wissen, von seinem Humor, von seiner Traurigkeit – von allem, was in ihm lebendig ist.“

Fromm macht deutlich, dass er nicht (nur) private Beziehungen, Liebesbeziehungen meint, sondern den Alltag, überall:

Der Lehrer lernt von seinen Schülern, der Schauspieler wird von seinen Zuschauern angespornt, der Psychoanalytiker wird von seinen Patienten geheilt – vorausgesetzt, dass sie einander nicht wie leblose Gegenstände behandeln, sondern echt und schöpferisch zu einander in Beziehung treten.

Mir scheint das bedeutsam und aktuell zu sein. Erwarten wir zu viel programmiertes, berechenbares Geben von Dienstleistern, Krankenschwestern und -Pflegern, ErzieherInnen usw.? Vertun wir uns die Chance, in einen echten Kontakt miteinander zu treten und etwas Wahres voneinander zu bekommen – ganz gleich, wer gerade eine Leistung zu erwarten hat, und wer der Zahlende ist?

Beitragsfoto: Müller-May / Rainer Funk / CC-BY-SA-3.0 (DE)